Predigt im Gottesdienst am 4. Juli 2004

Annette Bethlehem

Der Gottesdienst wurde in der Friedhofskapelle gefeiert, um nach der Renovierungsphase die Kapelle wieder offiziell und öffentlich in Nutzung zu nehmen.


Foto: Das neue Farbkonzept
Das neue Farbkonzept in Gelb und Naturtönen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

heller, geräumiger ist es hier geworden. Nicht nur die Farben der Wände oder Fliesen haben sich geändert, auch einige Details. Andere Materialien werden sichtbar.

Es ist schön zu sehen, wie Ihre Blicke umherwandern, hier und da bleiben sie hängen, das braucht Zeit, Ruhe.

Mit welchen Gedanken und Gefühlen haben Sie sich heute morgen auf den Weg gemacht, an diesen ungewöhnlichen Ort für einen Sonntagsgottesdienst?

Natürlich kann man an jedem Ort und zu jeder Zeit Gottesdienste feiern, aber die Orte, die Räumlichkeiten um uns herum, Erinnerungen an Zeiten in diesen Räumen leiten unwillkürlich unsere Gedanken.

Für viele, wohl die meisten von Ihnen, ist diese Kapelle mit Abschied, Abschieden verbunden und mit allen Gefühlen und Gedanken, die zum Abschied gehören und Teile unseres Lebens sind.

Mit allen Veränderungen hier im Raum und am Gebäude wollten wir Ihren Gedanken eine mögliche Richtung geben, basierend auf dem Christlichen Glauben. Wie wir kirchliche Gebäude und Räume gestalten, ist immer Ausdruck unseres Glaubens, verweist auf ihn, spiegelt ihn wieder.

Schließlich ist diese Kapelle damals gebaut worden, um den Abschied, das irdische Lebensende und die Verstorbenen zeichenhaft und sichtbar hineinzustellen in Worte des Lebens, in Gottes Verheißung auf Leben, oder anders ausgedrückt:
Was auch als Dunkel euch umgibt, Gott hat es in sein Licht genommen.

Mit diesen Worten hat Sie der Kirchenchor heute morgen willkommen geheißen.
Was auch als Dunkel euch umgibt, Gott hat es in sein Licht genommen.

Und diese Verheißung sollte durch die räumlichen Veränderungen betont werden, besonders durch die Dachfenster, die Lichteinfall ermöglichen. Das war eigentlich der spannendste Moment bei den Renovierungsarbeiten: Wie wirkt es sich aus, wenn wir das Dach öffnen? Und dieses Licht, dieser Lichteinfall verändert sich je nach Tageszeit, nach Wetter, manchmal von einer Sekunde zur anderen, je nach Wolkenbildung.

Und dieser Lichteinfall ist da im Bereich, in dem bei Trauerfeiern der Sarg steht. Da fällt augenfällig ein anderes, lebendiges, sich ständig veränderndes Licht auf den Tod.

Und umgekehrt, aus unserer Perspektive betrachtet, je nach Sitzplatz, geben die Oberlichter den Blick frei. Wie die Gedanken und Erinnerungen ziehen Wolken vorüber, Zeichen der Veränderungen und Bewegungen des Lebens.

Hier ist zwar ein Ort des Abschieds, aber nicht des Endes, hier ist Traurigkeit, aber auch Hoffnung, Trost, Licht.

Licht, Dunkel, mit diesen Bildern, Zeichen, werden Erfahrungen, Lebensphasen beschrieben. Der Tod eines Menschen kann unser Leben verfinstern. Es wird dunkel in uns, um uns. Das Leben mag grau in grau erscheinen. Manche sogar sehen schwarz, weil ihnen der Blick in die Zukunft verstellt scheint, tappen im Dunkeln, weil sie nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Licht, Dunkel, in großer Vielfalt umspielen auch biblische Texte diese Bilder des Lebens, Gefühle und Erfahrungen. "... und ob ich schon wanderte im finsteren Tal", heißt es in dem bekanntesten Psalm 23, den eben der Kirchenchor gesungen hat. Von Menschen, die im Dunkel wohnen, spricht oft der Prophet Jesaja. Aber all diese Texte sind aufgeschrieben aus dem Glauben heraus und von der Verheißung her, dass Gott das Dunkel zum Licht hin verändert. Du machst meine Finsternis hell, heißt es z.B. im 18. Psalm. Gott rettet uns aus dem Einflussbereich dunkler Kräfte, lässt uns teilhaben am Reich des Lichtes, so hieß es eben auch im Lesungstext aus dem Kolosserbrief.

All diese Worte gipfeln in dem Wort Jesu:
Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, soll nicht im Dunkeln wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben, eines der bekanntesten Ich-Bin-Worte Jesu aus dem Johannesevangelium (Kapitel 8). Ich bin das Licht der Welt. Dieses Wort, dieser Text erklingt schwerpunktmäßig in unseren Gottesdiensten zu Weihnachten und Ostern oder in Taufgottesdiensten, wenn die Taufkerze an der Osterkerze entzündet wird.

Ich bin das Licht der Welt.

Ich erinnere mich gut an die Beerdigung eines Kindes, bei der hier die Taufkerze brannte. In unserer Gestaltung, Art des Abschiednehmens bringen wir zum Ausdruck, welches Bild wir von Gott haben und damit von den Menschen. Licht als Inbegriff Gottes selbst, und Licht wendet sich Gott der Welt zu, bringt Licht und damit Leben. Die Schöpfung beginnt mit dem göttlichen Wort, aber das, was das Geschaffene zuerst wahrnimmt, ist das Licht. Sehen und nicht Hören und Sprechen, Wahrnehmen steht bezeichnenderweise am Anfang. Licht redet nicht und erzählt doch stumm von Gottes Wesen und Willen. Licht als "Augen-Blick" der Ewigkeit.

Jedes Licht bricht aus dem Dunkel hervor und gewinnt seine Bedeutung, seinen Glanz erst auf dem Hintergrund des Dunkels. Aus dem Tohuwabohu der Finsternis wird aber nicht einfach nur Licht, sondern der zuverlässige Rhythmus einer geordneten Welt mit Dunkelheit und Licht. Licht ist immer begrenzt von Dunkelheit. Dunkel ist Teil des lebendigen Lebens, nicht sein Gegner. Das Licht der Welt erblicken zu können bedeutet, im Dunkeln herangereift zu sein, sich entwickelt zu haben. Alle Lebewesen haben Wurzeln, die im Dunkeln verborgen sind, in der Erde, in der Ahnenkette der Geschichte und auch in unserer Psyche. Leben braucht das Dunkle, denn Dunkel bedeutet Zeit für Trauer, Zeit der Ruhe, Schlaf, die Zeit des Kraftschöpfens.

Ich bin das Licht der Welt.

Gott sorgt dafür, dass dieses Dunkel im richtigen Licht erscheint, nicht als totale, endlose Finsternis, sondern umfangen, durchflutet von Gottes Licht.
Was auch als Dunkel euch umgibt, Gott hat es in sein Licht genommen.

Sie kennen vielleicht die bitteren Worte, die von Bertold Brecht stammen:

Und die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht, doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.

Was klingt da alles an in diesem sarkastischen Wort: Gesellschaftskritik, die Fragen nach dem Menschenbild, das Wahrnehmen von Ausgrenzung, von Machtstreben, der Unterschied zwischen den Großen und Kleinen.
Und die einen sind im Dunkeln und die anderen sind im Licht, doch man sieht nur die im Licht, die im Dunkeln sieht man nicht.

Genau das Gegenteil will und besagt die christliche Botschaft. Gott lässt keinen Menschen im Dunkeln stehen. Gott wendet sich jedem Menschen zu.
Ich bin das Licht der Welt, der mir nachfolgt wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Jesus gebraucht Verben der Bewegung: nachfolgen, wandeln. Jesus will die Menschen mit hinein nehmen in den Weg des Lebens, fordert auf, Schritte zu tun und mit den Enttäuschungen, Erfahrungen, Traurigkeiten weiterzugehen.

Woher Jesus sich so sicher ist, dass der Weg zum Licht führt? Ich weiß, woher ich komme und wohin ich gehe, heißt es ein paar Verse nach dem Wort "Ich bin das Licht der Welt".

Traurigkeit, Tränen, Erschrecken verstellen und erschweren oder verschleiern uns oft den Blick auf das Licht des Lebens. Vielleicht, hoffentlich kann Manches hier im Raum die Farben, die Kerzen, die Oberlichter oder die ganze Raumatmosphäre uns ohne Worte an das Licht erinnern und mit hinein nehmen in den Weg zum Licht.

Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Oder mit anderen Worten von Marie-Luise Kaschnitz:

Manchmal stehen wir auf.
Stehen wir zur Auferstehung auf.
geordnet in geheimnisvolle Ordnung.
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Amen.

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