Die Glocken in der evangelischen Kirche zu Lienen

Die älteste der Lienener Glocken, die auf g' gestimmte "Pingelglocke" (= kleine Glocke), stammt aus den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges, nämlich 1622 und hat die Inschrift Hin geidt die Zeit her kompt der doth och Mensche thue Recht unt fruchte Godt. Dazu die lateinische Inschrift aus Römer 8: si deus pro nobis quis contra nos? (Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?). Dieses Wort findet sich auch auf dem Spruchbalken an der Südfront des gegenüberliegenden Hauses Schulte, dort aus dem Jahre 1620, also zwei Jahre vorher. Die Glocke wurde von Hans Meyer gegossen. Der Inschrift nach war sie die Glocke, die vor allem zur Trauerfeier geläutet wurde.


Eine der beiden neuen Glocken

Lienen hatte sicher seit dem Bau der romanischen Kirche um 1180 im Turm eine Glocke. Das wird über Jahrhunderte hin nur eine und eine kleine Glocke gewesen sein. Wann es zu einem Zweiergeläut kam, wissen wir nicht. Mit dem Guss der Pingelglocke 1622 war jedenfalls ein Zweiergeläut gegeben. Doch die ältere Schwester tat es nicht mehr lange. Sie ging um 1640 zu Bruch. Ihre Scherben von 500 Pfund dienten 1642 als "Glockenspeise" für die neue Glocke in Tecklenburg. Den Gegenwert musste Tecklenburg im Laufe der Jahre an Lienen zurückerstatten. Wir wissen nicht, aus welchem Grunde die Glocke zu Bruch ging. Jedenfalls nicht durch eine Feuersbrunst. Das Feuer hat zwar im Turm einmal derart gewütet, dass auch der Sandstein am Glockenstuhl recht mitgenommen war. Einen solchen Brand hätte die Pingelglocke 1640 schwerlich überstanden. Der Brand muss darum sehr viel früher angesetzt werden. Er dürfte schon dem Reformationsjahrhundert angehören. Nach diesem Brand wäre die um 1640 zersprungene Glocke als erste neu in den Turm gekommen, 1622 dann als zweite die Pingelglocke. Bei den Ausgrabungen 1994/95 kam eine Glockenscherbe zutage. Sie dürfte der um 1640 zersprungenen Glocke angehören. Denn das Metall der bei dem Turmbrand vernichteten Glocke war mindestens teilweise zerschmolzen (vgl. Ausgrabungsbericht).

Mitten im Dreißigjährigen Krieg, 1637, wurde die zweite der heute noch existierenden Glocken gegossen. Sie trägt die Inschrift: Selig sindt de Gottes Wort hören und bewaren. Dazu die Namen der Glockengießer: Hilebarnt Vanderhorst und Evert Stickfort. Das ist vermutlich die erste große Glocke, die Lienen erhielt, eine f-Glocke. Sie soll laut Inschrift zum Gottesdienst rufen. Aus welchem Grund kam es 1637 zu dieser Glocke? Die alte Schwester der Pingelglocke zersprang ja erst um 1640. Genügte der Gemeinde das Zweiergeläut nicht? In der Tat war das wohl der Fall: die beiden kleinen Glocken waren in den Bauernschaften nicht zu hören. Ein schwereres Geläut war wünschenswert.

Nachdem die ältere Schwester der Pingelglocke um 1640 zersprungen war, musste fortan die größere Glocke allein zum Gottesdienst rufen. Verständlich, dass Pastor Snethlage in seinem Bericht an die Kreissynode über den Zeitraum 1647–1657 den Wunsch äußerte, nun doch bald zu einer Ergänzung zu kommen. Der Wunsch konnte ja in der Zeit des Krieges nicht umgesetzt werden. Lienen hatte gerade eine Glocke bekommen (1637). Wenn es zu einem weiteren Glockenguss kommen sollte, waren erst einmal Westerkappeln und Tecklenburg dran. Aber jetzt, nach dem großen Krieg, durfte man doch für die Neuanschaffung kämpfen.

Doch was für eine Glocke sollte es sein? In seinem Brief an den Grafen vom 28.3.1663 schreibt Snethlage, dass die neue Glocke zum Unterschied der Resonantz 400 Pfund schwerer sein solle als die 1800 Pfund wiegende von 1637. Man denkt also an kein helles Festtagsgeläut zweier kleiner, sondern an ein weit hörbares tiefes Geläut zweier großer Glocken (f und es). Der Glockengießer Joseph Michälingk aus Bielefeld sollte sie fertigen. Er habe schon die Kappelner Glocke 1641 "mitgießen geholfen", ebenso die Tecklenburger Glocke 1642. Snethlage bittet den Grafen, dass er durch seine Verwaltungsbeamten einen Vertragsentwurf erstellen lasse. Ein solcher sei auch dazu angetan, dass Michelin seine Preisvorstellungen in Grenzen halte. Ganz wichtig sei, dass eine Restzahlung erst zwei bis drei Jahre nach der Aufhängung erfolge, nachdem die Glocke zur Genüge "probiert und unsträflich befunden". Ist das eine Reaktion auf das Zerspringen der Glocke um 1640? Die Glocke wurde im Oktober 1663 von Michelin in Bielefeld gegossen. Ihre Inschrift ist in lateinischer Sprache gehalten und stammt aus Ps. 150, 4f: Lobet den Herrn mit Pauken und Pfeifen, lobet ihn mit Saiten und mit Zimbeln, dazu die Namen des Grafen (Mauritz), des Pfarrers (Snethlage), des Vogtes (Docen) und des Glockengießers. Dem armen Michelin ist der von der gräflichen Kanzlei ausgearbeitete Vertrag nicht gut bekommen. Wieder und wieder richtet der Schreiben an den Grafen mit der Bitte, ihm die Restzahlung zu überweisen. Er nage am Hungertuch. Unter dem 18. Juli 1665 weist der Graf die Gemeinde an, die Restzahlung zu tätigen.

Nach der Inschrift ist die große Glocke zusammen mit der von 1637 zum Festtagsgeläut bestimmt.

Die Pingelglocke läutete vor Einführung des elektrisch betriebenen Geläuts nie mit den beiden großen Glocken zusammen, sondern beendete das Geläut. Warum ihre besondere Funktion als Totenglocke in Vergessenheit geriet und auf die zum (Fest-)Gottesdienst rufende Glocke von 1663 übertragen wurde, ist unerfindlich: Die ist nun wegen ihres vielfachen Gebrauchs so ausgeschlagen, dass sie bei weiterem intensiven Gebrauch keine lange Lebenszeit mehr haben dürfte. Darum soll sie nur noch zu besonderen Anlässen geläutet werden.


Die große Glocke ist stark ausgeschlagen und wird nur noch zu besonderen Anlässen geläutet.

Am 23.2.1942 wurden die beiden großen Glocken aus dem Turm geholt und auf dem Fabrikhof der Kupferwerke Kayser in Lünen gelagert. Sie sollten eingeschmolzen werden. Aus dem Metall der Glocken sollten Führungsringe für Granaten hergestellt werden. Metall, das durch Jahrhunderte hin zum Gottesdienst und damit die Gemeinde unter den Gottesfrieden gerufen hatte, wurde nun dazu bestimmt, Tod und Verderben zu verbreiten. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen. Pastor Homrighausen machte sich nach dem Kriege auf die Reise zum Glockenfriedhof nach Lünen und konnte die beiden Lienener Glocken identifizieren. Sie waren unversehrt und konnten am 18.9.1947 wieder nach Lienen zurückgeholt werden. Am Sonntag, dem 16. November 1947 ertönte zum ersten Mal wieder ihr volles Geläut. In dem letzten Vers ihres Gedichtes zu diesem Tag sagt Rika Krampe:

Wenn sie mit vollen Stimmen nun läuten,
wollen vereint wir mit Danken und Beten
alle vor Gottes Angesicht treten;
danken, daß Er hat zurück sie geführt;
beten, daß Frevlerhand nie sie wieder berührt,
daß sie zu Seiner Ehr nur läuten.

Da die große Glocke nur noch zu besonderen Gelegenheiten geläutet werden darf und auch die zweitgrößte nicht auf Dauer bei jeder Gelegenheit strapaziert werden sollte, stand die Kirchengemeinde vor der Aufgabe, das Geläut der Kirche durch zwei neue kleinere Glocken zu ergänzen. Sie sind aus Spenden der Gemeinde finanziert und wurden inzwischen gegossen. Sie sollen das neue Jahrtausend einläuten.

Wilhelm Wilkens


Eine der beiden neuen Glocken

P.S.:

Die größere der beiden neuen Glocken trägt die Inschrift:

Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ.

Die kleinere erinnert an das Christusjahr 2000. Ihre Inschrift lautet:

Meine Seele erhebet den Herrn.

Das ist der Anfang des Lobgesangs der Maria aus dem Lukas-Evangelium. Maria stimmt dieses Lied zur Ehre Gottes an, als der Engel Gabriel ihr verkündet hat, dass durch sie der Heiland der Welt geboren werden soll.

Mögen die alten und neuen Glocken unserer Kirche für viele Menschen auch der kommenden Generationen, die hier leben werden, ein Zeichen dafür sein, dass Gottes Treue zu den Menschen über alle Zeiten bestehen bleibt. Sein Wort bleibt in Ewigkeit.

Hartwig Schulte

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