Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

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Teil 10

Ein weiterer Ansatzpunkt für Antworten auf die Fragen der Zeit war die geistige Auseinandersetzung mit den herrschenden Weltanschauungen. So führte man in Lienen schon 1924 eine evangelische Weltanschauungswoche durch. Im Herbst 1925 wurde auf dem Determannschen Anwesen im Dorf (heute "Jägerhof") ein Zweig der in Bethel befindlichen Heimvolkshochschule unter Leitung des Pfarrers Thiemann eröffnet. Sie wurde zum großen Bedauern der Kirchengemeinde am 1.4.1931 nach Tecklenburg verlegt und vom Verein für Innere Mission im Regierungsbezirk Münster übernommen. 1930 entstand der Männerdienst. Hier führte der aus dem Studentenpfarramt von Münster nach Lienen gewechselte Pfarrer Lic. Dr. Wilkens die weltanschaulichen Auseinandersetzungen.

Am 9. November 1930 kam es zum ersten Zusammenstoß mit der unter der Führung des Ortsgruppenleiters Ernst Beckmann selbstbewusst auftretenden Lienener Ortsgruppe der NSDAP. Sie hatte vor dem Gottesdienst im Gedenken an die beim Marsch auf die Feldherrnhalle in München 1923 Gefallenen in der Ehrenhalle der Kirche einen Kranz mit Hakenkreuzschleife niedergelegt. Das Presbyterium sah in diesem Akt einen Missbrauch der Ehrenhalle für politische Zwecke. Es beschloss, die Ortsgruppe um Abnahme der Hakenkreuzschleife zu ersuchen. Als diese das ablehnte, entfernte Wilkens im Auftrag des Presbyteriums die Schleife. Er steckte sie dann in den Ofen. Das Symbol des aufdämmernden 3. Reiches verbrannt zu haben, wurde der Kirche nie verziehen.

Die evangelische Kirche hat die Machtergreifung Hitlers zum großen Teil begrüßt. Die Pfarrerschaft war überwiegend national - konservativ eingestellt. Man erhoffte eine starke Obrigkeit und war fasziniert von dem Gedanken eines nationalen Sozialismus. Zudem sah man im Faschismus die einzige Chance, dem Bolschewismus entschieden entgegentreten zu können. Das Schreckgespenst der "roten Flut" diktierte das Denken. Schließlich war die Pfarrerschaft latent antijudaistisch eingestellt. Denn die Juden hatten ja Jesus gekreuzigt. Das waren drei fundamentale Übereinstimmungen des Denkens zwischen Pfarrerschaft und NS-Staat. Die Pfarrer der sich ab Juli 1933 bildenden Bekennenden Kirche haben daher lange nicht verstehen können, wieso sie als eine staatsfeindliche Gruppierung angesehen wurden.

Schon bald nach der Machtergreifung 1933 griff der Staat in die Verfassung der Kirche ein. Es war Hitlers Ziel, die 28 bisher selbständigen Landeskirchen zu einer vereinigten und nach dem Führerprinzip von einem Reichsbischof zentral gelenkten Reichskirche umzubilden. Diesen Eingriff ließ sich die Kirche noch gefallen, war sie doch aus ihrer Vergangenheit ein obrigkeitliches System gewohnt. Nur wurde seitens der Kirche v. Bodelschwingh als Reichsbischof gewählt und nicht Hitlers Wunschkandidat Ludwig Müller. Auf Druck musste Bodelschwingh zurücktreten. Damit war für den Königsberger Divisionspfarrer Müller der Weg frei.

Zum Auslöser des Kirchenkampfes wurde die Vereinigung der sogenannten "Glaubensbewegung Deutscher Christen" (DC). Sie verstand sich als innerkirchliche Plattform der NS-Ideologie. Den DC ging es darum, den christlichen Glauben im Sinne einer "heldischen Frömmigkeit" "nordischer Art" und "deutschem Luthergeist" umzugießen. Weg mit der bisherigen Mitleidstheologie des Erbarmens und der dienenden Liebe! Im Blick der DC stand ebenso die "Entjudaisierung" der Pfarrerschaft und der Kirchenbeamten. Wer jüdischer Abkunft war, wurde ausgestoßen. Es gab Stimmen, auch die Bibel von jüdischem Geist zu reinigen. Der Kampf gegen diese innere Überfremdung des Glaubens war es, der die Kirche in den Augen des NS-Regimes zum Feind machte.

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