Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

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Teil 11

Um die braune Reichskirche durchzusetzen, hatte Hitler für den 23.7.1933 Kirchenwahlen angeordnet. Durch sie sollten die Kräfte der DC und der NSDAP in die Gremien der Kirche (Repräsentation und Presbyterien) einrücken. Die NS-Organisationen wurden aufgefordert, geschlossen zur Wahl zu gehen und ihren Kandidaten die Stimme zu geben. Um zu retten, was zu retten war, hatte man sich an vielen Orten mit der NSDAP auf "Einheitslisten" geeinigt, was im Kirchenkreis Tecklenburg dazu führte, dass die sich formierende Bekennende Kirche in der Mehrzahl der Gemeinden das Heft in der Hand behielt.

In dieser Situation fand sich im Juli 1933 ein Kreis junger Pfarrer in der Südostecke des Kirchenkreises zur Arbeitsgemeinschaft zusammen mit dem Ziel, der Überfremdung des christlichen Glaubens durch den nazistischen Ungeist zu wehren. Das waren Papst (Kattenvenne), Schmitz (Ladbergen), Smend und Wilkens (Lienen), Brandes (Hohne), Rübesam (Lengerich) und Thiemann (Tecklenburg). Unter ihren Händen entstand in wenigen Wochen das später so genannte "Tecklenburger Bekenntnis", das von der im August tagenden Kreissynode verabschiedet und an die Provinzialsynode weitergeleitet wurde.

In der Auseinandersetzung der Bekennenden Kirche mit den Deutschen Christen kam es praktisch zur Kirchenspaltung: auf der einen Seite die BK-Gemeinden unter ihrem 1934 gewählten Präses Koch in Oeynhausen, auf der anderen Seite die DC-Gemeinden unter der Leitung des Pfarrers Fiebig in Münster mit dem Konsistorium (Landeskirchenamt). Der Kirchenkreis Tecklenburg wählte den Hohner Pfarrer Brandes zum BK-Superintendenten. Das DC-Konsistorium in Münster setzte den aus dem alten Tecklenburger Kreissynodalvorstand übriggebliebenen Pfarrer Johannes Hörstebrock/Ibbenbüren zum Superintendenturverwalter ein. 1942 erhielt er die Dienstbezeichnung Superintendent. Doch Hörstebrock neigte der BK zu und erwarb sich bei dieser Respekt und Anerkennung. So teilten sich die beiden Superintendenten die Arbeit: Brandes hielt den Kontakt zu Präses Koch, Hörstebrock erledigte die Verwaltung in Verbindung mit dem Konsistorium in Münster. Die DC-Gemeinden im Kirchenkreis waren Brochterbeck, Rheine-Eschendorf (Rheine-Johannes) und Hörstel.

Die kirchliche Arbeit wurde vom Staat auf den innerkirchlichen Bereich eingeengt. Die Jugendarbeit war der Kirche verboten wie auch andere Vereinsarbeit. Einzig Versammlungen zum Gottesdienst und zur Bibelarbeit waren gestattet. Wenn die Frauen zur Frauenhilfsstunde zusammenkamen, war ihnen demgemäß das Kaffeetrinken verboten. Frau Smend setzte es für Lienen mit dem Argument der weiten Wege jedoch durch. Mit Beginn des Krieges ließ die Repression nach. Die große Abrechnung mit der Kirche wurde auf die Zeit "nach siegreich beendetem Krieg" verschoben.

Die Niederwerfung Deutschlands im 2. Weltkrieg haben wir zunächst kaum als Befreiung verstehen können. Niemand ahnte ja, welche Opfer der NS-Terror in Deutschland und Europa gefordert hatte. Millionen deutscher Flüchtlinge aus dem Osten hatten die Lasten des verlorenen Krieges zu tragen. Dass sie mit dem Verlust ihrer angestammten Heimat bezahlen sollten, empfanden sie als schreiendes Unrecht. Geschichte ist nicht gerecht. Erst nach einem langen Umdenkungsprozess haben wir die Katastrophe von 1945 auch als Stunde der Befreiung und als Chance für einen Neubeginn begreifen können. Die Kirche sah es als ihre vom Evangelium her gebotene politische Aufgabe an, mit den europäischen Nachbarn zur Aussöhnung zu kommen.

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