Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

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Teil 13


Katholische Kirche Maria Frieden in Lienen.

Bei einer Darstellung der Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde darf das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirchengemeinde nicht ausgeklammert werden. Katholiken kannte man in Lienen bis zum 2. Weltkrieg nur am Rande der Gemeindegrenzen. Durch die Eingliederung der Flüchtlinge aus den Ostgebieten wurde die Bildung einer katholischen Gemeinde Schritt um Schritt notwendig. Bis zum Bau ihrer eigenen Kirche fand sie mit ihren Gottesdiensten in der evangelischen Kirche eine vorläufige Heimat. Am 10.5.1953 wurde die neue Kirche geweiht und am 1.10.1953 erhielt die Lienener Gemeinde ihre seelsorgliche Selbständigkeit. Am 1.5.1977 konnte auch das Pfarrheim eingeweiht werden. Das Wirken des ersten Pfarrers Garske und das gute Verhältnis zur evangelischen Kirchengemeinde ist unvergessen. Den entscheidenden ökumenischen Durchbruch im Verhältnis der beiden Gemeinden zueinander brachte das 2. Vatikanische Konzil 1962-65. Seither gibt es zwischen den beiden Kirchengemeinden eine fruchtbare Zusammenarbeit auf mancherlei Gebieten.

Um 1960 bestand in der evangelischen Gemeinde eine blühende Jugendarbeit des CVJM. Ebenso konnte die Mädchenarbeit aufgebaut werden. Im Laufe der 60iger Jahre reduzierten sich diese Kreise zunehmend. Das lag nicht nur daran, dass die Träger dieser Arbeit aus Lienen abwanderten. Das war vor allem in den zunehmenden Individualisierungs-Tendenzen der Gesellschaft begründet: feste Gruppenbindung war immer weniger gefragt. Diese Differenzierungsprozesse wirkten sich zunehmend auf alle Arbeit der Kirchengemeinde aus. Die um 1960 noch 600 Mitglieder umfassende Frauenhilfe reduzierte sich in den Folgejahrzehnten in zunehmendem Maße. Im Dorf und den Bauerschaften versammelten sich die Frauen nur noch in kleineren Kreisen. 1960 blühte die Arbeit der Evangelischen Sozialseminare auf. Sie konzentrierte sich auf gesellschaftliche und sozialpolitische, aber auch kirchliche und politische Themen. Der Zulauf war beträchtlich, der Bildungshunger der Menschen groß. Aber dann erhielten diese Seminare mehr und mehr Konkurrenz von den Volkshochschulen und erreichten nur noch kleinere Teilnehmerzahlen. Auch der 1960 noch gute Gottesdienstbesuch ging in den 70iger Jahren mehr und mehr zurück. Der Geist der Resignation ergriff manche Kreise. Aber dazu besteht kein Anlass. Denn vom Neuen Testament her geurteilt hat Kirche nicht die Verheißung der großen Zahlen. Ihre Aufgabe ist, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Den Vorstellungen einer die Gesellschaft tragenden Volkskirche musste der Abschied gegeben werden.

Auf die Auseinandersetzungen der NS-Zeit war die Kirche nicht vorbereitet. Kaum aus dem obrigkeitlichen Denken entlassen, hatte sie noch nicht gelernt, kraft des ihr vom Evangelium gegebenen Auftrags auf eigenen Beinen zu stehen. So galt der ihr aufgezwungene Kampf der Frage nach der Mitte der Heiligen Schrift. Das Tecklenburger Bekenntnis tat erste Schritte auf diesem Weg. Die Barmer Theologische Erklärung vom Mai 1934 formuliert für die Bekennende Kirche diese Mitte in kraftvollen Sätzen. Dieses Bekenntnis machte sich die nach 1945 neu etablierte Volkskirche in mühevollen Prozessen zu eigen. Der Generation, die nach dem zweiten Weltkrieg die Verantwortung in der Kirche übernahm, wurde die Aufgabe zuteil, das Verhältnis der Kirche zu Staat, Gesellschaft und Politik neu zu bestimmen. Die gesellschaftliche und politische Verantwortung der Kirche in der Welt und für die Welt musste in der Aufarbeitung der Vergangenheit der NS-Diktatur und in Auseinandersetzung mit dem ebenso totalitär sich gebärdenden dialektischen Materialismus geklärt werden.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks schieben sich neue Fragen gebieterisch in den Vordergrund. In einer Gesellschaft, die sehr säkulare und individualistische Züge angenommen hat, ist Wertorientierung gefragt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, vom Augenblicksglück. Er spürt, dass er der Verankerung des Lebens in Gott entbehrt, Leben als Geschenk und Aufgabe von jenseits seiner selbst. Von dieser Perspektive der Ewigkeit her steht die Kirche damit zugleich in einer sich globalisierenden Welt ganz neu vor den Fragen von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

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