Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

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Teil 2

Die Zeit vom Bau der ersten romanischen Kirche Ende des 12. Jahrhunderts bis zur Reformation im Jahr 1527 liegt im Dunkel der Geschichte. Es war die Zeit der Auseinandersetzung der Kirche mit den Resten der tief in die Volksseele eingewurzelte Herkefrömmigkeit. Das Zentralheiligtum der Herke, der Allmutter der Erde, in Lengerich wurde von der Margaretenkirche abgelöst. In Höste muss es ein Baumheiligtum an der von der Felsenquelle herkommenden Stockbieke gegeben haben, an dem die Muttergottheit um die Fruchtbarkeit vion Menschen, Vieh und Land angerufen wurde. Sonst lassen sich die jährlichen vermutlich am 25. Juli (dem Gedenktag Jakobus' d.Ä.) durchgeführten Prozessionen der Lengericher Margaretha und des Glaner Jakobus zum Höster Hilligenstohl kaum erklären. Die auf keltische Überlieferung zurückgehende Fruchtbarkeitsriten wollte man durch die Margarethen- und Jakobusprozessionen überlagern und verdrängen.

Dazu hat sicher auch die Lienener, Johannes dem Täufer geweihte Kirche beigetragen. Die Botschaft des Täufers war der Ruf zur Umkehr weg von den alten heidnischen Gewohnheiten und Gebräuchen und hin zu dem einen Gott der Christen. Die Rolle Lienens zeigt sich in dem Bau einer kleinen Kapelle bei Pellemeier unterhalb des Deetweges. Ihre Reste wurden erst Anfang des 19. Jahrhunderts beseitigt. Nur "ein Stein mit ausgehauenem Stern oder Rad gibt noch Kunde vom Zerstörtenn (Chronik Pfarrer Wilhelm Kriege). 1981 wurde dieser Stein vom Landeskonservator als Chorschlußstein einer Kapelle aus der Zeit um 1380 bestimmt. Am Kirchhof lag im Hofraum der Bäckerei Fletemeyer das Haus des Kaplans, der an der Kapelle seinen Dienst zu verrichten hatte. Sein Jahreseinkommen war 1456 mit 9 Gulden veranschlagt, während das des Pfarrherrn Rudolphus immerhin 60 Gulden betrug.

Der Dienst des Kaplans beschränkte sich natürlich nicht auf den Tag der Prozession. Er hatte Tag um Tag in der Kapelle die Messe für die Pilger zu lesen, die in Scharen über den Deetweg zum Margarethenheiligtum in Lengerich ihre Wallfahrt unternahmen.

Von Margaretha erwartete man Heilung von mancherlei Gebrechen. Nach der Pestzeit um 1350 dürfte das Wallfahrtswesen einen erheblichen Aufschwung genommen haben, obgleich die Bevölkerung um ein Drittel geschrumpft war: Durch fromme Leistung hoffte man ein derart verheerendes Unglück für die Zukunft ausschließen zu können. Der Sturz des Margarethenbildnisses 1525 leitete die Reformation in der Grafschaft Tecklenburg ein, beendete aber auch das Prozessionsund Wallfahrtswesen. Für Lengerich bedeutete das einen herben wirtschaftlichen Verlust. In Lienen verlor die Wallfahrtskapelle ihre Bedeutung und verfiel.

Die um 1180 errichtete erste romanische Kirche hat wohl noch vor der Pestzeit um 1350 eine Verbreiterung ihres Schiffs von 5,50 auf 10 Meter erfahren. Ihre Nord wand verlief nun etwa auf der Höhe der heutigen Emporenpfeiler. Beim Neubau des Kirchenschiffes 1801/02 hat man die Reste dieser Wand entdeckt. Durch die Heimatliteratur geistert das Jahr 1628 als Jahr des Neubaus der Kirche. Doch ein Neubau mitten in der Zeit des 30-jährigen Krieges ist völlig ausgeschlossen. Alles spricht für die Zeit vor 1350, wo der Bevölkerungsdruck erheblich zugenommen hatte und erst dann durch die Pestzeit einen ungeheuren Rückschlag erlitt.

Auch die Nachrichten aus der Reformationszeit sind dürftig. Weniges nur wird greifbar. In der Besetzung der Lienener Pfarrstelle hatte es Ende des 15. Jahrhunderts Ärger gegeben: Graf Nikolaus III hatte eigenmächtig - wie die Grafen der Schweriner Linie waren - Johan Bordewick gen. Schulte 1482 in Lienen als Pfarrer eingesetzt. Dagegen erhoben sowohl die Herforder Äbtissin wie der Osnabrücker Bischof Einspruch. Die Äbtissin hatte ja das Besetzungsrecht der Pfarre. Sie setzte 1488 Wilhelm Schade aus Paderborn durch. Ihm dürfte kurz vor 1527 Konrad Meyer, Sohn des gräflichen Kanzlers Antonius Meyer, gefolgt sein, der die Reformation in Lienen durchzufahren hatte. Zunächst änderte sich wenig: das Abendmahl wurde unter beiderlei Gestalt ausgeteilt, die Anrufung der Heiligen unterblieb. Am auffälligsten war der lutherische Predigtgottesdienst am Nachmittag. Der große Schnitt erfolgte erst mit dem Übergang zur reformierten Konfession Weihnachten 1588.

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