Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

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Teil 4

Nach dem Tod seines Vaters Eberhard 1608 trat Konrad Klinge an seine Stelle (bis 1646) und leitete die Gemeinde in den bösen Jahren des 30-jährigen Krieges (1618-48). Ihm verdanken wir das erste Lagerbuch, das 1609 beginnt. Darin finden sich alle Kollekten, Spenden aufgezeichnet, auch die Einnahmen aus dem Verkauf von Kirchenbänken, und es wird Rechenschaft gegeben über den Verbleib der Einnahmen. Im übrigen sind die Kirchenbücher aus dieser Zeit leider verloren gegangen. Wir kennen nur ihre Fortsetzung mit 1711.

Lienen ist im 30-jährigen Krieg glimpflich davongekommen. Die Grafschaft Tecklenburg verhielt sich ja neutral. Dennoch gab es immer wieder Überfälle von kaiserlichen oder schwedischen Soldaten, die auch vor der Kirche nicht Halt machten, sondern den Opferstock beraubten. Es ist erstaunlich, dass die Kirchengemeinde während des Krieges zu der schon vorhandenen zwei neue Glocken in den Turm hängen konnte: 1622 die "Pingelglocke" und 1637 eine schwere Glocke. Die alte Glocke aus dem Reformationsjahrhundert zersprang um 1640. Ersatz war erst nach dem Kriege (1663) möglich.

Es ist erstaunlich, wie auch in der kargen Zeit des Krieges, da die Bevölkerung mit argen Kontributionen belegt war, immer noch manche Spende aus der Gemeinde einging. Vor allem auf dem Sterbelager öffneten sich die Hände der Menschen. Sie wollten noch etwas gut machen, was sie zu Lebzeiten versäumt hatten. Auch Bauernschläue war dabei: hatte jemand Geld ausgeliehen, das er nicht zurückkriegte, gab er der Kirche den Auftrag, dieses Geld als Spende des inzwischen Verstorbenen einzuziehen.

Nach den beiden Generationen Klinge folgten 5 Generationen Snethlage. Wilhelm Snethlage berichtet über die äußeren Verhältnisse der Gemeinde in den ersten 10 Jahren nach dem Kriege (1647-57). Erstaunlich, was in dieser kurzen Zeit an Aufbauarbeit geleistet werden konnte: die Kirche außen und innen renoviert, ebenso die Schule. Beide befanden sich in argem Zustand. Auch am Pfarrhof konnte manches erneuert werden. Für einen neuen silbernen Abendmahlskelch wurde 1654 gesammelt. Der alte war wohl Opfer der Beraubung der Kirche geworden. Ein Kronleuchter wurde als Spende des Presbyteriums zu Weihnachten 1657 angekündigt. Snethlage äußerte auch eine Reihe von Wünschen: eine neue Orgel müsse her, ebenso eine neue große Glocke (1663). Auch neue Sitzplätze müssten in der Kirche geschaffen werden. Die Hoffnung auf Erfüllung solcher Wünsche war offenbar nicht unrealistisch. Lienen war seit 1645 eine wirtschaftlich erstarkende Gemeinde. Denken wir etwa an den Aufstieg der Kaufmannsfamilien Metger und Kriege.

Die wachsende Bevölkerung ließ die Kirche zu klein werden. Geholfen wurde durch den Einbau einer Südempore (1651/52). 1660 wurde die in der Nordost-Ecke der Kirche am Chor gelegene Sakristei in das Kirchenschiff einbezogen und ebenfalls mit einer Empore versehen. Das wuchtige und mit reichen Schnitzereien versehene Kirchengestühl des Rittergutes Kirstapel wurde auf den Chor versetzt, wo es nicht so viel Raum einnahm. Für eine Generation war erst einmal wieder Platz geschaffen.

Von Alhard Theodor Snethlage (1671-1710) stammt eine Auflistung aller zur Pfarre gehörenden Liegenschaften. Abgesehen von dem Gelände um den Pfarrhof handelt es sich um Stückländereien rund um das Dorf, die in ihrem Kern auf karolingische Zeit zurückgehen. Die Flächen, die der Pfarrer nicht bewirtschaftete, waren verpachtet.

1703-1707 wurde ein neues um drei Meter verbreitertes und etwas verlängertes Kirchenschiff errichtet und eingewölbt. Davon stehen heute nur noch die Nord- und die Turmwand. Ein Wappenstein von Tecklenburg (1706), der andere von Preußen (1707) über der Südempore erinnern an diesen Neubau. Über dem im Renaissancestil gehaltenen Nordportal finden sich die Namen von Snethlage Vater und Sohn, dazu der des Vogtes Rudolph Krafft. Ein Mittelgang teilte das Schiff in eine Frauen- und eine Männerseite. Um die Schulden zu mildern, wurde das Kirstapelsche Gestühl verkauft (1720) und durch einfache Bänke ersetzt.

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