Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

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Teil 5

Eberhard Samuel Snethlage (1711-33) begann seinen Dienst im Katastrophenjahr 1711: vierzehn Häuser fielen Anfang Juni einem verheerenden Brand zum Opfer. Für die Beseitigung der Schäden bewilligte der preußische König am 18.01.1712 Holz aus den abgebrochenen Pferdeställen der Tecklenburg. Der Brand muss den Ortskern betroffen haben. Doch haben wir keinen Anhaltspunkt, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Der Verlust der alten Kirchenbücher hat mit dem Brand nichts zu tun. Sie lagerten ja im Pfarrhof, der nicht betroffen war. Die heute vorhandenen Kirchenregister beginnen schon Anfang 1711. Auch blieb das Lagerbuch von 1609 erhalten.

Zur Zeit von Andreas Wilhelm Snethlage (1733-70) wurde die preußische Kirchenreform durchgesetzt. Von Synoden hielten die Preußen nichts. 1767 wurde die alte Synodalverfassung, auf die reformierte Gemeinden stolz waren, durch eine obrigkeitliche Konsistorialverfassung abgelöst. Nicht mehr die Synode bestimmte den Kurs der Kirche, sondern die Regierung in Berlin. Zwei Geistliche Inspektoren, Vorläufer der späteren Superintendenten, führten die Aufsicht: der eine im Bereich Ibbenbüren, der andere in der Altgrafschaft Tecklenburg.

Friedrich Andreas Snethlage (1770-1815) wird von Pfarrer Kriege als "ein gewaltiger Mann und kernfester Patriot" beschrieben. Er wurde zum Geistlichen Inspektor in der Altgrafschaft bestimmt, von 1799 an auch für den Bereich Ibbenbüren. Über die Pfarre in Lienen urteilt August Karl Holsche in seiner Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg (1788): "Der Prediger dieses Orts ist nach Maßgabe der mit seinem Dienst verknüpften Arbeit nur schwach besoldet. Die Pfarre bringt keine dreihundert Taler auf; der Küster dient sich fast ebenso gut als der Prediger; die Kirche ist klein und kann die Eingepfarrten kaum fassen". Der religiöse Zustand "der geringen Klasse" sei nicht der beste. Es fehle an hinreichendem Unterricht, den zu erteilen in den weitläufigen Kirchspielen schwierig sei. Die streng kalvinistisch ausgerichtete Ausbildung der Pfarrer an holländischen Hochschulen äußere sich in gewisser Intoleranz. In der Tat zeigen die Protokolle der Synode der Grafschaft Tecklenburg von 1689 an, wie Gemeindemitglieder mit anstößigem Lebenswandel in Kirchenzucht genommen und vom Abendmahl ausgeschlossen werden. Diese Kirchendisziplin erreicht Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt: "Wer in seinem Hause, auf seinem Gehöft oder Besitztum an Sonn- und Feiertagen oder an denselben vorhergehenden Tagen Tanzereien oder Gelage veranstaltet oder duldet, soll von der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen werden" (1852). Die Kirche wurde zum Institut preußischer Sittenpolizei. Dagegen opponierten schon damals mutige Gemeindemitglieder. Sie wurden mundtot gemacht.

Friedrich Andreas Snethlage betrieb seit 1755 die Einrichtung von Schulen in den Bauernschaften. Er selber bildete junge Menschen zu Lehrern aus. Der Unterricht wurde in leerstehenden Heuerhäusern abgehalten. Nach und nach entstanden die ersten Schulgebäude. Die Entlohnung erfolgte aus dem zu zahlenden Schulgeld. Snethlage machte sich ebenso um den Neubau des Kirchenschiffs 1801/02 verdient. Das schwere Gewölbe der erst 1703-07 errichteten Kirche drückte die Südwand weg. So musste das Schiff bis auf Nord- und Westwand abgerissen und neu aufgebaut werden. Dabei wurde es gleich um zehn Meter nach Osten verlängert. Der baulich gefährdete Turm wurde stabilisiert durch Vorsetzen der Südwand und Zumauerung des halben Torbogens zwischen Turm und Schiff. 1806 erhielt die Kirche auch eine neue Orgel. Schließlich gelang Snethlage die Einrichtung einer zweiten Pfarrstelle (1815), deren Notwendigkeit schon seit 1776 anerkannt war. Doch wie sollte sie finanziert werden? Man musste einen Kapitalstock schaffen, aus dessen Zinsen ein Teil des Gehaltes zu finanzieren war. Eine Witwe König und der Kaufmann Hermann Kriege, beide aus Bremen, dotierten die Pfarrstelle mit je 1.000 Reichstalern. Dazu wurden die Höfe zu bestimmten jährlichen Naturalabgaben verpflichtet. Sie waren für die Bauern keine große Last, trugen jedoch wesentlich zum Unterhalt des Pfarrers bei. Auch wurde der zweite Pfarrer geringer besoldet als der erste. Die neue Pfarrstelle wurde sechs Wochen vor dem Tode Snethlages mit seinem bisherigen Gehilfen Hermann Kriege besetzt. Ihm gehörte das repräsentative Haus Hauptstraße Nr. 20. Ein eigenes Pfarrhaus war daher zunächst nicht nötig.

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