Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

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Teil 6

Mit dem Tod von Hermann Kriege (9.11.1850), dem ersten Pfarrers der 1815 neu errichteten 2. Pfarrstelle, war die Frage nach einem zweiten Pfarrhaus neu gestellt. Die Kirchengemeinde mietete 1851 das ehemalige Vogthaus am Kirchplatz (Textilgeschäft Pellemeyer), das sie 1857 käuflich erwerben konnte. Es tat seinen Dienst bis zu dem Bau des Pfarrhauses Holperdorper Straße im Jahre 1914. Zwischen einem ersten und einem zweiten Pfarrer gab es damals einen Rangunterschied, der sich in unterschiedlicher Vergütung niederschlug. Wenn der erste Pfarrer die Gemeinde wechselte oder durch Pensionierung ausschied, bestand für den zweiten Pfarrer eine Aufstiegsmöglichkeit in die erste Stelle. Die Tecklenburger waren so weise, die gehaltlichen Differenzen schon in damaliger Zeit abzubauen. Der Ausgleich wurde bezahlt aus den Einkünften der in Erbpacht gegebenen umfänglichen Ländereien des in der Folge der Reformation säkularisierten Kreuzherrenklosters auf dem Osterberg (Lotte). Nach 1945 ist es nicht einmal mehr eine Prestigefrage, die wievielte Pfarrstelle einer Gemeinde ein Pfarrer innehat.

Der Neubau der vergrößerten Kirche 1802 mit ihren 1526 Sitzplätzen hatte erhebliche Konsequenzen. Zwei Folgen sollen in dieser Kurzdarstellung genannt werden. Die erste bestand in der Notwendigkeit, die Bestuhlung der Kirche neu zu konzipieren. Nach dem Neubau hatte man sich zunächst mit dem alten Gestühl, das notdürftig ergänzt werden musste, beholfen. Die Kirche war innen als Querbau (Predigtkirche) eingerichtet: die Kanzel an der östlichen Seite der Südtür, der Abendmahlstisch mittschiffs davor, die Bankreihen um Kanzel und Abendmahlstisch im nach Süden offenen Rechteck. Im Chor über dem damaligen Osteingang in die Kirche gab es eine doppelte Empore, die untere diente der 1806 neu gebauten Orgel, die obere wurde die "Singebönne" genannt. Im Konfirmationsgottesdienst z.B. sang von dort aus der Schülerchor im Wechsel mit den Konfirmanden und der Gemeinde unten in der Kirche aus dem "Blauen Liederheft" des Lienener Pfarrers Hasenkamp (1816-21). Die Gemeinde hat sehr an diesem Liederheft gehangen, und es war gar nicht so leicht, das Heft nach 1960 aus dem Verkehr zu ziehen, weil es einfach nicht mehr in unsere Zeit paßte. - Zu beiden Seiten des Osteingangs führten die Treppen hoch zur Orgelempore/Singebönne und zur Nord-Empore.

1867 musste Lienen eine Rüge der Kreissynode hinnehmen: "Lienen verschiebt leider bisher aus vorgeblichem Mangel an ausreichenden Mitteln die dort so nötige Erneuerung des Kirchengestühls". Das Presbyterium erwies sich aber starr und unbeweglich, wenig offen für zukünftige Entwicklungen. Eine Neuordnung der Bestuhlung war auch gar nicht einfach: die Kirchensitze standen ja in einer Art Erbpacht mit Eintragung ins Grundbuch. Im Frühjahr 1872 wurde endlich eine Kirchensitzkommission berufen, die zunächst die Besitzverhältnisse festzustellen hatte. Pfarrer Wilhelm Kriege wurde beauftragt, einen Plan auszuarbeiten, wie die Kirchensitze bei einer Neubestuhlung zur Verteilung kommen könnten. Jetzt sollte die Kirche nicht mehr als Quer-, sondern als Längsbau eingerichtet werden, so wie wir sie heute kennen. Die Umstuhlung wurde 1875/76 vorgenommen. Im Zusammenhang damit wurde auch die Orgel überholt, rückte auf die Turmseite und erhielt ein neues neugotisches Gehäuse.

Die andere Konsequenz aus dem Neubau der Kirche war die Verlegung des Friedhofs vom Kirchhof in den Süden des Ortes, dem heutigen Friedhofsgelände. Denn durch die Verlängerung der Kirche um 10 Meter nach Osten waren erhebliche Flächen verloren gegangen. Dabei war der Friedhof um die Kirche herum schon vorher viel zu klein. Denn im Reformationsjahrhundert war er im Interesse der Bebauung des Kirchringes zurückgenommen worden. Damals entstand die Mauer, von der heute nur noch der nördliche Teil und das Südweststück erhalten ist. Sie diente dem Schutz des Friedhofs vor den im Dorf frei herumlaufenden Schweinen, die alles zerwühlten. Dazu mussten die Tore geschlossen sein. Waren sie aber oft nicht. Darüber wurde schon auf der Synode von 1689 Klage geführt. Da zudem unsachgemäß begraben wurde, konnten sogar Särge von ihnen hochgebuddelt werden (1798). Das ganze entwickelte sich zum Skandal. Die Kircherweiterung verschärfte das Problem. Superintendent Smend (Lengerich) in seinem Schreiben vom 18.1.1839:

Ich zeige ihnen deshalb an, daß ich nunmehr fest entschlossen bin, nach der mir neu gewordenen Aufforderung der königlichen Regierung und nach der oben abgegebenen Erklärung ihres Herrn Bürgermeisters die Verlegung des Begräbnisplatzes außerhalb Lienens durchzusetzen.

Das Presbyterium aber zeigte sich weiterhin halsstarrig. So kam, was kommen mußte: 1855 schritt die Regierung ein. Totensonntag 1857 wurde der neue Friedhof eingeweiht. Aber er war nun ein kommunaler Friedhof. Erst 1886 wurde er der Kirchengemeinde zurückgegeben.

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