Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

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Teil 7

Zu dem 1857 eingeweihten neuen Friedhof ist noch eine Bemerkung nachzutragen: Dass sich seine Übergabe von der Kommunalgemeinde an die Kirchengemeinde von 1857 bis 1886 hinzog, lag nicht etwa an ersterer. Vielmehr verweigerte die Regierung ihre Genehmigung dazu so lange, bis sich die Kirchengemeinde bereit erklärte, katholischen Einwohnern Lienens die gleichen Rechte zuzugestehen wie den evangelischen. 1886 gab das Presbyterium endlich die geforderte Erklärung ab.

1527 war die Grafschaft Tecklenburg der lutherischen Reformation beigetreten und führte 1543 eine lutherische Kirchenordnung ein. 1588 ersetzte Graf Arnold das lutherische Bekenntnis durch das reformierte: Seitdem gilt der Heidelberger Katechismus und damit verbunden eine reformierte Gottesdienstordnung. Sie kennt keine gesungenen liturgischen Stücke (Responsorien). Den Preußenkönigen war das Nebeneinander und Gegeneinander (z.B. in der Abendmahlsauffassung) der beiden protestantischen Bekenntnisausprägungen ein Dorn im Auge. Sie wollten eine in sich geeinte evangelische Kirche, eine Union. Den Tecklenburger Gemeinden erschien dies an sich kein Problem. Sie legten den reformierten Zusatz ab und nannten sich schlicht "Evangelische Kirchengemeinde...". Der Pferdefuß der Union lag in der damit verbundenen Einführung einer (gemäßigt) lutherischen Liturgie mit ihren Wechselgesängen. Davon wollten die Tecklenburger nun gar nichts wissen. 1853 kam es zum Schwur. Man durfte zwar über die neue Liturgie auf den Synoden debattieren, aber auf Wunsch des Königs wurde sie den Gemeinden "verordnet". Von Kreissynode zu Kreissynode wird den Gemeinden geboten, die Liturgie zu praktizieren. 1861 haben sich erst Lengerich, Lienen und Ibbenbüren dazu verstanden. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis alle Gemeinden diese Liturgie übernommen hatten.

Hier steht Lienen einmal an vorderster Stelle. Nur die Gemeindeglieder ließen sich diese Änderung der Gottesdienstordnung nicht gefallen. Die neue Liturgie mit ihrem "Singsang" erschien ihnen katholisch. Was also tun? Sehr einfach: man betrat die Kirche erst zum Predigtlied, wenn die Eingangsliturgie zuende war. Von daher stammt die Redeweise, erst "zum zweiten Singen" zur Kirche zu gehen. Solche Auseinandersetzungen wären nicht weiter erwähnenswert, wenn sich dahinter nicht die Entwicklung zu einer neuen Zeit kund täte. Früher waren die Gemeindeglieder eher Objekte des obrigkeitlich-kirchlichen Handelns. Man hatte sich zu fügen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der es allenthalben revolutionär kochte, war man nicht mehr bereit, obrigkeitliche Anordnungen einfach hinzunehmen. Man stimmte ab mit den Füßen. Individuelles Selbstbewusstsein bricht sich mehr und mehr Bahn.

Die Kirche beugte sich dem Verlangen des Königs zur Union und der Einführung der neuen Agende. Aber sie hat im Rheinland und in Westfalen dem König für ihr Entgegenkommen auch die presbyterial-synodale Kirchenordnung abgetrotzt. Als die Preußen 1707 die Grafschaft Tecklenburg übernommen hatten, spielten die gewohnten Synoden, auf denen das kirchliche Leben und Handeln beraten wurde, bald keine Rolle mehr. Es wurde obrigkeitlich angeordnet. Dafür gab es ein Kirchenministerium. Das wurde nun anders. Im Unterschied zur vorpreußischen Zeit, in der sich nur die Pfarrer zur Synode versammelten, war sie fortan aus Theologen und Laien zusammengesetzt. Für das obrigkeitlich ausgerichtete Preußen war das eine Zumutung, weil man von einer Demokratisierung des Lebens nichts hielt. Aber diese Zumutung wurde geschluckt, weil es in der neuen Kirchenordnung die Stellung des Superintendenten als verlängerter Arm der Regierung gab. Er durfte von der Synode zwar gewählt werden. Aber er bedurfte der Bestätigung durch die Regierung und wurde von dieser in Pflicht genommen. Die Vorgänge zeigen auch auf Seiten der Kirche eine neue Zeit im Anbruch.

Doch solche demokratischen Elemente sind sehr zarte Pflänzchen, die von reaktionären Kräften noch lange Zeit überdeckt werden. Das zeigt sich auch in der Arbeit des Presbyteriums. Ein Hauptpunkt seiner Sitzungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Aufrechterhaltung von Sitte und Ordnung, zumal in Verbindung mit der Sonntagsheiligung. Die alte Kirchmeß ist vom Sonntag zu verbannen. Schützenfeste dürfen den Sonntag nicht tangieren, sind selbst am Sonnabend verboten und dürfen im übrigen nur einen Tag dauern. Scharf wendet man sich gegen Tanzereien, Vergnügungssucht und unzüchtiges Wesen. 1852 beschließt das Presbyterium:

Wer in seinem Hause, auf seinem Gehöft oder Besitztum an Sonn- und Feiertagen oder an denselben vorangehenden Tagen Tanzereien oder Gelage veranstaltet oder duldet, soll von der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen werden.

Die Kirche agiert als Sittenpolizei des preußischen Staates. Man sollte meinen, in Lienen habe es um 1848 keine revolutionären Umtriebe gegeben. Dem ist nicht so. Die Kritik an dem Verhalten der Kirche, die kaum Verständnis für die Situation der kleinen Leute aufbrachte, ist nicht zu überhören. Das 19. Jahrhundert ist die Zeit, in der sich weite Kreise der Kirche innerlich entfremden und sich in den Folgejahren der entstehenden Sozialdemokratie zuwandten, der die Kirche mit Verabscheuung entgegentrat.

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