Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

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Teil 8

Die Verbundenheit des protestantischen Pfarrers mit der preußischen Monarchie ist stark ausgeprägt, ist doch der Pfarrer preußischer Staatsbeamter und der König oberster Herr der Kirche. Bis zur Weimarer Verfassung war die Kirche Staatskirche. Kein Wunder, das auch in der Kirche das Nationalbewusstsein im 19. Jahrhundert einen enormen Auftrieb erhielt. Eine deutsche evangelische Nationalkirche rückte in den Blick. Die germanischen Völker haben den romanischen gegenüber einen besonderen Sendungsauftrag. Sie haben "die Welt zu lehren, wie man Gott im Geiste und in der Wahrheit dienen soll" (Superintendent Smend/Lengerich 1866). Allenthalben entstehen Kriegerehrenmale. So auch auf der Südseite des Kirchplatzes in Lienen im Gedenken an die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Das Ehrenmal wurde von keinem geringeren als dem Pfarrer Wilhelm Kriege entworfen!

Und wie gestaltete sich der Dienst des Pfarrers? Seine Kernaufgaben waren ebenso wie heute Gottesdienst, Unterricht, Amtshandlungen (Taufen, Trauungen und Beerdigungen).

Darauf ist hier nicht weiter einzugehen. Dazu kam als wesentliches Element der Besuchsdienst und die Seelsorge. Nach der Überlieferung wurde am Sonntag von der Kanzel angekündigt, welche Besuchswege der Pastor in der Woche einzuschlagen gedachte. Dann ging er zu Fuß von Hof zu Hof. Die Bauern versammelten Heuerleute und Gesinde. Er erkundigte sich nach besonderen Vorkommnissen und Anliegen, ermahnte zu gewissenhafter Arbeit, warnte vor Alkohol und Kartenspiel und schloss mit einer kurzen Andacht. Dann ging es zum nächsten Hof. Abends wurde er von dem letzten Bauern mit Pferd und Wagen wieder nachhause gebracht.

Den auf Individualisierung hin ausgerichteten gesellschaftlichen Prozessen wurden diese Art von Besuchen mit fortschreitender Zeit nicht mehr gerecht. Man kann das daran ablesen, dass es hieß: Nur bei den großen Bauern kehrt der Pfarrer ein. Für die kleinen Leute hat er keinen Blick.

Doch wie sollte es anders gehen? Fahrrad und Auto waren noch unbekannt. Und wenn der Pfarrer ins Alter gekommen war, war so eine Tagestour ein Strapaze. Der gesellschaftliche Differenzierungsprozess, der ja auch an der Kirche nicht vorbei ging, forderte Lösungen. Die nächstliegende war die Einrichtung einer dritten Pfarrstelle im Südbezirk mit eigener Kirche im Holzhauser/Kattenvenner Raum. Solche Gedanken werden erstmals greifbar, als es 1801 angesichts der einsturzgefährdeten Kirche in Lienen um die Frage ging: Vergrößerung des Kirchenschiffs oder Bau einer zweiten Kirche im Südbezirk. Ab 1846 hielten die Lienener Pfarrer wöchentlich Bibelstunde und Gottesdienst in der alten, beim Hof Laig in Kattenvenne gelegenen Schule. Auf der am 4.10.1854 in Lengerich tagenden Kreissynode wurde ein Kirchenbau in Kattenvenne erwogen. Das alles lange vor dem Entstehen des Ortsschwerpunktes Kattenvenne. Denn die Bahn war ja noch nicht in Sicht. Nachdem diese dann 1871 gebaut wurde, gab es kein Halten mehr. Seit 1889 gibt es eine selbständige Kirchengemeinde Kattenvenne. Die Bezirke der Lienener Pfarrer konnten so entschieden verkleinert werden.

Die innere Emigration aus der Kirche wirkte sich zunächst noch nicht auf den Sonntagsgottesdienst aus. Das konnte aus gesellschaftlichen Gründen ja auch gar nicht der Fall sein: Denn hier traf man Verwandtschaft und Bekanntschaft, erfuhr das Neuste aus der Gemeinde, hörte die öffentlichen Bekanntmachungen vom Verkündstein vor dem Niederhellmannschen Haus am Kirchplatz, erhielt Zeitung und Post. So betrug der Gottesdienstbesuch 1905 noch 25%(!!) der Gemeindeglieder. Dafür werden die Nachmittagsgottesdienste immer schlechter besucht. Darüber wird schon 1832 Klage geführt. 1905 sind 20 Besucher keine Seltenheit, 1920 werden diese Gottesdienste endgültig aufgegeben. Nicht anders ist es den Bibelstunden in den Bauernschaften gegen Ende des 19. Jahrhunderts ergangen.

Die Individualisierungstendenzen forderten kleinere, unter verschiedenen Gesichtspunkten differenzierte Gruppen. Die Zeit der Vereine brach an. 1846 entsteht ein Enthaltsamkeitsverein, Missions- und Gustav Adolf-Verein kamen bald hinzu und haben viel Gutes geleistet. 1906 wurde ein Jünglingsverein gegründet. Aus seiner Mitte ging 1908 ein Posaunenchor hervor, der nach dem 1. Weltkrieg 1921 neu gesammelt werden musste. Und vor allem ist die Gründung des Frauenvereins (Frauenhilfe) nach dem 1. Weltkrieg unter Leitung von Frau Smend zu nennen, die in der nationalsozialistischen Zeit und dann auch nach dem 2. Weltkrieg zu einem Hauptinstrument kirchengemeindlicher Arbeit wurde.

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