Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

zurück 1 2 3 4 5 6 7 8  9  10 11 12 13 weiter

Teil 9

Der Ausgang des 1. Weltkrieges, der Zusammenbruch des Kaiserreichs und die Etablierung der Weimarer Demokratie (1919) bedeuteten für den Protestantismus einen tiefen Einschnitt. Die Staatskirche hörte auf zu bestehen. Das Misstrauen gegenüber der Demokratie saß tief. Demokratie war in den Augen der Kirche keine verlässliche Obrigkeit. Wie konnte es nun weitergehen? Die Kirche musste ihre Geschicke fortan selber in die Hand nehmen. Ihr lag daran, die von den Vätern ererbten Wertvorstellungen und Traditionen zu bewahren. Der Gedanke der Volkskirche trat an die Stelle der Staatskirche. Dabei beschreibt der Begriff Volkskirche damals nicht den Aktionsbereich der Kirche (also ihr volksmissionarisches Engagement), sondern meint vor allem den Ort, wo der Gedanke der Volksgemeinschaft, des Vaterlandes und des nationalen Auftrages, sich für das Vaterland einzusetzen als verpflichtendes Erbe wachgehalten wird. So kam es nicht zufällig schon bald am Turmeingang der Kirche zur Einrichtung einer Ehrenhalle für die Gefallenen des 1. Weltkrieges (Einweihung am 4.12.1921). Dennoch, die innere Emigration aus der Kirche wird im zurückgehenden Gottesdienstbesuch spürbar. Erstmals wird 1922 Klage darüber erhoben, dass man mehr alte als junge Menschen in der Kirche sehe. Die Auswanderung aus der Kirche erreicht in der Zeit des Nationalsozialismus einen ersten Höhepunkt.

Ihren Hauptfeind sah die Kirche seit der Revolution 1848 im Marxismus, seit der Revolution von 1918 im Bolschewismus. Es waren gerade auch junge Theologen, darunter Johannes Wilkens, die als ehemalige Offiziere wieder zu den Waffen griffen, um die Münchener Räterepublik niederzuwerfen. Die im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung aufgebrochene soziale Frage trieb die Massen in die Arme des Marxismus. Das war nicht die Schuld der Kirche. Aber sie hat sich nicht zur Wendung des Elends der Massen politisch eingesetzt. Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge allein waren keine Antwort auf die Herausforderung der Zeit. Zur sozialen Praxis gelangte man in Lienen erst durch den Aufbau der Frauenarbeit durch Frau Smend. Da ging es um Ausbildung junger Frauen auf dem Lande für ihre Arbeit in Haus und Hof, um Müttererholungsmaßnahmen, um Einzelfallhilfe. Auch wurde am 1.1.1922 eine Gemeindeschwesternstation eröffnet. Gemeindeschwester und Frauenhilfe arbeiteten einander zu. Basis der Arbeit wurde das mit Hilfe von Spenden, darunter auch aus Amerika, errichtete Gemeindehaus (Einweihung am 28.6.1925), in dem Schwester Emma Beckemeyer zusammen mit Mutter und Tochter Altesellmeier ab März 1929 ihre Wohnung hatten. Die Hausmeisterdienste übernahm nach dem Tode von Frau Frers die Witwe Altesellmeier, später ihre Tochter Anna.

Der Bau eines Gemeindehauses wurde schon 1908 ins Auge gefasst, um Raum für den Konfirmandenunterricht, den Jünglingsverein und eine Gemeindeschwesternstation zu gewinnen. Nach weiteren Anläufen fiel Ende 1922 der Baubeschluss. Doch der Bau verzögerte sich weiter. Die Einweihung konnte endlich am 28.6.1925 vorgenommen werden. In den beiden Unterrichtsräumen fand auch die 1892 gegründete höhere Privatschule morgens ihr Unterkommen. Nach dem 2. Weltkrieg konnte sie ihre Arbeit dort mit dem 1.4.1951 wieder aufnehmen, fand dann in einer am Gemeindehaus errichteten Steinbaracke ihre Bleibe. Die Arbeit bestand bis zum 1.4.1960.

zurück 1 2 3 4 5 6 7 8  9  10 11 12 13 weiter

Startseite