Die Geschichte der Kirchengemeinde Lienen

von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

Die Eingliederung unseres Landes in das Frankenreich Karl des Großen ab 775 führte zu revolutionären Veränderungen. Am tiefgreifendsten war die Beseitigung der alten Religion mit ihren Kultstätten zugunsten des christlichen Glaubens. Die Errichtung von Kapellen und Kirchen am Deetweg muss sich sehr schnell vollzogen haben. Denn die heidnischen Sachsen waren nach den Bestimmungen des Reichstages von Lippspringe (782) nicht nur zu taufen, sondern auch um die Kirche herum zu bestatten. Die althergebrachten sächsischen Friedhöfe wurden nicht mehr geduldet. 

Erste christliche Kirchen entstehen in und um Lienen

Schon in der ersten Hälfte des 9. Jahrhundert gehören die Kirchen in Ibbenbüren, Lengerich und Lienen zum Archidiakonat Bünde und werden von Kaiser Ludwig dem Frommen (814 - 840), dem Sohn Karls, zusammen mit Bünde an die 826 gegründete reichsunmittelbare Benediktinerinnenabtei Herford übertragen. Auf diesen Vorgang bezieht sich die von König Konrad III. 1147 ausgestellte Bestätigungsurkunde über die Herforder Besitzungen. In ihr wird Lienen ausdrücklich genannt. Unser Ort gehört also seit der Zeit Ludwigs kirchlich zu Herford.

Der Herforder Besitz umfasste neben der Kirche und dem Kirchhof (Friedhof) das nördlich sich anschließende Pfarrgelände, die sogenannte Widum. Dazu gehörten alle Flächen am nördlichen Kirchring, einschließlich der heute dort stehenden Häuser Gerlemann, Brüseke, Fletemeyer und Suhre. Die Äbtissin des Klosters Herford nannte ebenso einen breiten Streifen Landes ihr eigen, der von der Nordgrenze des heutigen Friedhofs über den Dorfteich bis über den Umgehungsweg hinaus reichte. Auf diesem Gelände lagen der Äbtissenhof (an der Stelle der heutigen Gemeindeverwaltung), Grundmann (bis 1739 zwischen Hauptstrasse und Dorfteich), der Mühlenteich mit der Mühle und dem Schoppenhof über dem Teich, doch schon jenseits des Umgehungsweges gelegen. Darüber hinaus besaß Herford eine ganze Reihe der alten Westerbecker Höfe.

Nach der Kirchengründung musste auch der Radius der entstehenden Kirchengemeinde bestimmt werden. Die Grenzen entsprachen in etwa denen der heutigen Kommunalgemeinde Lienen. Weite Gebiete waren noch nicht besiedelt. Die Flächen jenseits der Ostenfelder Grenze gehörten kirchlich zunächst zu Laer, später zu Glane. Das war – soweit wir sehen – auch nicht anders in den 250 Jahren, in denen Ostenfelde Lienener Bauernschaft war (bis 1609). Weil Lienen zu Herford rechnete, war der Zehnte an Herford abzuführen (1/3 zur Unterhaltung des Klosters, 1/3 für die kirchlichen Gebäude und ihre Ausstattung, 1/3 zur Finanzierung der Pfarrei). Über diesen Zehnten kam es später zu einem langwährenden Streit mit dem Bischof von Osnabrück, der der Äbtissin nur den Zehnten von ihren unmittelbaren Gütern zugestehen wollte. 

Lienen wird selbständige Pfarre

Wann Lienen selbständige Pfarre wurde, wissen wir nicht genau. Das geschah spätestens 1186, nachdem Graf Simon von Tecklenburg die Amelongschen Güter (das heutige Dorfgebiet und große Teile Aldrups) vom Osnabrücker Bischof zum Lehen empfangen hatte, Lienen damit endgültig an Tecklenburg kam. Zu dieser Zeit erhielt Lienen den Glockenschlag, und eine steinerne romanische Kirche löste den bisherigen Fachwerkbau ab. Von dieser romanischen Kirche steht heute nur noch der Turm mit seinem Gewölbe. Er wurde auf einem bereits bestehenden christlichen Friedhof errichtet. Die Kirche war Johannes dem Täufer geweiht. Die Kirmes (“Kirch-Mess“ – Kirchenweihfest) lag schon in der Zeit vor der Reformation auf dem, dem Johannistag (24. Juni) folgenden Montag.

Einen kleinen Hof auf dem Gelände der Widum hat es sicher von der karolingischen Zeit an gegeben. Die Landwirtschaft bildete ja das wirtschaftliche Rückgrat im Einkommen eines Pfarrers. Das war erst recht nach der Reformation wichtig. Denn nun hatte der Pfarrer auch eine Familie zu unterhalten. So wurde das Hofgebäude denn auch 1559 in der Größe von acht Fach neu errichtet.

Die Herforder Äbtissin übte das Pfarrstellenbesetzungsrecht aus und visitierte ihre Gemeinden und Besitzungen in regelmäßigen Abständen. Auf einer dieser Visitationsreisen kehrte die Äbtissin Gertrud von der Lippe 1219 auch bei dem Priester in Lienen ein.

Die Zeit vom Bau der ersten romanischen Kirche Ende des 12. Jahrhunderts bis zur Reformation im Jahr 1527 liegt im Dunkel der Geschichte. Es war die Zeit der Auseinandersetzung der Kirche mit den Resten der tief in die Volksseele eingewurzelten Herkefrömmigkeit. Das Zentralheiligtum der Herke, der Allmutter der Erde, in Lengerich wurde von der Margaretenkirche abgelöst. In Höste muss es ein Baumheiligtum an der von der Felsenquelle herkommenden Stockbieke gegeben haben, an dem die Muttergottheit um die Fruchtbarkeit von Menschen, Vieh und Land angerufen wurde. Sonst lassen sich die jährlichen vermutlich am 25. Juli (dem Gedenktag Jakobus' d.Ä.) durchgeführten Prozessionen der Lengericher Margaretha und des Glaner Jakobus zum Höster Hilligenstohl kaum erklären. Die auf keltische Überlieferung zurückgehende Fruchtbarkeitsriten wollte man durch die Margarethen- und Jakobusprozessionen überlagern und verdrängen.

Wallfahrten und eine Kapelle am Deetweg

Dazu hat sicher auch die Lienener, Johannes dem Täufer geweihte Kirche beigetragen. Die Botschaft des Täufers war der Ruf zur Umkehr weg von den alten heidnischen Gewohnheiten und Gebräuchen und hin zu dem einen Gott der Christen. Die Rolle Lienens zeigt sich in dem Bau einer kleinen Kapelle bei Pellemeier unterhalb des Deetweges. Ihre Reste wurden erst Anfang des 19. Jahrhunderts beseitigt. Nur "ein Stein mit ausgehauenem Stern oder Rad gibt noch Kunde vom Zerstörten“ (Chronik Pfarrer Wilhelm Kriege). 1981 wurde dieser Stein vom Landeskonservator als Chorschlußstein einer Kapelle aus der Zeit um 1380 bestimmt. Am Kirchhof lag im Hofraum der Bäckerei Fletemeyer das Haus des Kaplans, der an der Kapelle seinen Dienst zu verrichten hatte. Sein Jahreseinkommen war 1456 mit 9 Gulden veranschlagt, während das des Pfarrherrn Rudolphus immerhin 60 Gulden betrug.

Der Dienst des Kaplans beschränkte sich natürlich nicht auf den Tag der Prozession. Er hatte Tag um Tag in der Kapelle die Messe für die Pilger zu lesen, die in Scharen über den Deetweg zum Margarethenheiligtum in Lengerich ihre Wallfahrt unternahmen.

Von Margaretha erwartete man Heilung von mancherlei Gebrechen. Nach der Pestzeit um 1350 dürfte das Wallfahrtswesen einen erheblichen Aufschwung genommen haben, obgleich die Bevölkerung um ein Drittel geschrumpft war: Durch fromme Leistung hoffte man ein derart verheerendes Unglück für die Zukunft ausschließen zu können. Der Sturz des Margarethenbildnisses 1525 leitete die Reformation in der Grafschaft Tecklenburg ein, beendete aber auch das Prozessions- und Wallfahrtswesen. Für Lengerich bedeutete das einen herben wirtschaftlichen Verlust. In Lienen verlor die Wallfahrtskapelle ihre Bedeutung und verfiel.

Die um 1180 errichtete erste romanische Kirche hat wohl noch vor der Pestzeit um 1350 eine Verbreiterung ihres Schiffs von 5,50 auf 10 Meter erfahren. Ihre Nordwand verlief nun etwa auf der Höhe der heutigen Emporenpfeiler. Beim Neubau des Kirchenschiffes 1801/02 hat man die Reste dieser Wand entdeckt. Durch die Heimatliteratur geistert das Jahr 1628 als Jahr des Neubaus der Kirche. Doch ein Neubau mitten in der Zeit des 30-jährigen Krieges ist völlig ausgeschlossen. Alles spricht für die Zeit vor 1350, wo der Bevölkerungsdruck erheblich zugenommen hatte und erst dann durch die Pestzeit einen ungeheuren Rückschlag erlitt. 

Die Anfänge der Reformation in Lienen

Auch die Nachrichten aus der Reformationszeit sind dürftig. Weniges nur wird greifbar. In der Besetzung der Lienener Pfarrstelle hatte es Ende des 15. Jahrhunderts Ärger gegeben: Graf Nikolaus III hatte eigenmächtig – wie die Grafen der Schweriner Linie waren – Johan Bordewick gen. Schulte 1482 in Lienen als Pfarrer eingesetzt. Dagegen erhoben sowohl die Herforder Äbtissin wie der Osnabrücker Bischof Einspruch. Die Äbtissin hatte ja das Besetzungsrecht der Pfarre. Sie setzte 1488 Wilhelm Schade aus Paderborn durch. Ihm dürfte kurz vor 1527 Konrad Meyer, Sohn des gräflichen Kanzlers Antonius Meyer, gefolgt sein, der die Reformation in Lienen durchzufahren hatte. Zunächst änderte sich wenig: das Abendmahl wurde unter beiderlei Gestalt ausgeteilt, die Anrufung der Heiligen unterblieb. Am auffälligsten war der lutherische Predigtgottesdienst am Nachmittag. Der große Schnitt erfolgte erst mit dem Übergang zur reformierten Konfession Weihnachten 1588. 

Kirchhof und umstehende Gebäude

Der Kirchhof ist der alte Friedhof aus dem späten achten Jahrhundert. Er hatte eine erhebliche Größe. Das "Haus am Kirchplatz" (Kirchplatz 10) steht in seiner Osthälfte auf dem Friedhof. Der halbe Vorgarten des ehemaligen Pfarrhauses, sowie das Haus Brüseke und der Hofraum Fletemeyer, allesamt nördlich des Kirchplatzes, befinden sich auf Friedhofsgelände. Die Häuser auf der Südseite des Kirchplatzes sind von der Hauptstraße auf den Friedhof "hinaufgewachsen". Soweit er nicht durch die Häuser nach außen geschützt war, umgab ihn zum Schutz gegen das im Ort frei herumlaufende Vieh eine Mauer. Die Kirche war damals noch klein.

Auf der Ostseite wurde der Kirchhof durch drei Häuser begrenzt. In der Mitte lag die alte Dorfschule (etwa an den Stufen zum Ehrenmal). Nach Ende des 30-jährigen Krieges wurde sie gründlich renoviert und mit neuen Tischen und Bänken versehen. Die Einrichtung von Schulen war ein wichtiges Anliegen der Reformation. Die Lienener Schule existiert sicher seit 1550. Der erste Lehrer, dessen Namen wir kennen, war Jürgen Johanning (†1651). Ihm folgten Theodor Klinge, ein Lehrer Kramer und schließlich drei Generationen Staggemeyer (bis 1821). Sie unterrichteten nicht nur die Dorfjugend, sondern versahen auch an der Kirche das Küster- und Organistenamt. Ihre Dienstwohnung war das Küsterhaus am Thie (Ecke Iburger Straße), das 1586 bei sintflutartigen Regenfällen durch die vom Berg herabströmenden Wassermassen zerstört wurde.

Das zweite Haus am Ostrand des Kirchhofes war das "Mauerhäuschen", so genannt, weil es mit seinem Ostgiebel auf der Kirchhofsmauer stand. Seine Südwand teilte es mit der Nordwand des Spiekers Strüwe (Textil-Pellemeyer). Der Hof Strüwe lag jenseits der Hauptstraße auf dem Gelände der heutigen Farbenmühle. Das an Strüwes Spieker angelehnte Mauerhäuschen war einst Zehntspieker des Klosters Herford. Den erwarb 1497 Abt Rembert für das Kloster Iburg und baute ihn neu auf (1816 abgebrochen).

Das dritte Haus an der Ostgrenze des Kirchhofs war der alte Iburger Spieker. Er lag in der Straße vor dem Geschäft Fletemeyer am Ende der heutigen Kirchhofsmauer. Der Abt verkaufte das Gebäude 1648 an den Grafen, der es in der Folgezeit beseitigte, um an seinem Herrenhaus für ein Nebengebäude Raum zu gewinnen. Der Kirchhof wurde um 1550 auf seiner Nordseite erheblich verkleinert, die heutige Mauer errichtet und die Zuwegung zu den auf der Nordseite der Kirche liegenden Häusern geschaffen. Hier baute Johann Ibershoff einen Spieker (heutiges Haus Brüseke) und verkaufte ihn 1616 an Evert Kramer. Pfarrer Konrad Klinge, Nachfolger seines Vaters Eberhard, baute im 30-jährigen Krieg unmittelbar neben Kramer im heutigen Vorgarten des ehemaligen Pfarrhauses ein kleines Privathaus, die spätere Wohnung des Lehrers und Küsters Klinge (1908 abgebrochen). Der konnte nun das Küsterhaus am Thie vermieten und auf diese Weise sein bescheidenes Einkommen ein wenig verbessern.

Zum Pfarrhof gehörte ein Spieker an der Stelle des neu errichteten Anbaus am Hause Gerlemann. Bei den Fundamentierungsarbeiten stieß man auf starkes Mauerwerk. Es handelte sich also um ein Steinwerk, auf das vielleicht – wie am Hause Niederhellmann an der Hauptstraße – ein Fachwerk aufgesetzt war. Ein aufgefundener Sandstein mit Schießöffnung zeigt, dass es sich um ein wehrhaftes Gebäude gehandelt haben muss. Solche Steinwerke waren in den unsicheren Zeiten dringend geboten. So fielen im Oktober 1541 die Gebrüder Steinhausen (bei Gütersloh) mit einer Reiterschar über Lienen und Lengerich her, raubten Häuser und Kirchen aus, setzten verschiedene Häuser in Brand. Geht darauf der Turmbrand im 16. Jahrhundert (Chronik Kriege) zurück?

Erste Lienener Pfarrer nach Einführung der Reformation

Nachfolger von Conrad Meyer wurde im Januar 1576 Pfarrer Eberhard Klinge. In seine Amtszeit fiel der Übergang zur reformierten Konfession (1. Weihnachtstag 1588). Die Liturgie des Gottesdienstes wurde von nun an völlig durch Stücke aus dem Heidelberger Katechismus bestimmt, der Taufstein aus der Turmkapelle auf den Chor der Kirche gesetzt. Nebenaltäre und Heiligenbilder verschwanden. Bei den Lienener Gemeindemitgliedern kam das sicher so wenig an wie bei den Lengerichern. Aber der Landesherr hatte das Sagen. Er bestimmte die Konfession. Das Volk hatte sich daran zu halten.

Nach dem Tod seines Vaters Eberhard 1608 trat Konrad Klinge an seine Stelle (bis 1646) und leitete die Gemeinde in den bösen Jahren des 30-jährigen Krieges (1618-48). Ihm verdanken wir das erste Lagerbuch, das 1609 beginnt. Darin finden sich alle Kollekten, Spenden aufgezeichnet, auch die Einnahmen aus dem Verkauf von Kirchenbänken, und es wird Rechenschaft gegeben über den Verbleib der Einnahmen. Im Übrigen sind die Kirchenbücher aus dieser Zeit leider verloren gegangen. Wir kennen nur ihre Fortsetzung mit 1711.

Lienen ist im 30-jährigen Krieg glimpflich davongekommen. Die Grafschaft Tecklenburg verhielt sich ja neutral. Dennoch gab es immer wieder Überfälle von kaiserlichen oder schwedischen Soldaten, die auch vor der Kirche nicht Halt machten, sondern den Opferstock beraubten. Es ist erstaunlich, dass die Kirchengemeinde während des Krieges zu den schon vorhandenen noch zwei neue Glocken in den Turm hängen konnte: 1622 die "Pingelglocke" und 1637 eine schwere Glocke. Die alte Glocke aus dem Reformationsjahrhundert zersprang um 1640. Ersatz war erst nach dem Kriege (1663) möglich.

Es ist erstaunlich, wie auch in der kargen Zeit des Krieges, da die Bevölkerung mit argen Kontributionen belegt war, immer noch manche Spende aus der Gemeinde einging. Vor allem auf dem Sterbelager öffneten sich die Hände der Menschen. Sie wollten noch etwas gut machen, was sie zu Lebzeiten versäumt hatten. Auch Bauernschläue war dabei: hatte jemand Geld ausgeliehen, das er nicht zurückkriegte, gab er der Kirche den Auftrag, dieses Geld als Spende des inzwischen Verstorbenen einzuziehen.

Nach den beiden Generationen Klinge folgten fünf Generationen Snethlage. Wilhelm Snethlage berichtet über die äußeren Verhältnisse der Gemeinde in den ersten 10 Jahren nach dem Kriege (1647-57). Erstaunlich, was in dieser kurzen Zeit an Aufbauarbeit geleistet werden konnte: die Kirche außen und innen renoviert, ebenso die Schule. Beide befanden sich in argem Zustand. Auch am Pfarrhof konnte manches erneuert werden. Für einen neuen silbernen Abendmahlskelch wurde 1654 gesammelt. Der alte war wohl Opfer der Beraubung der Kirche geworden. Ein Kronleuchter wurde als Spende des Presbyteriums zu Weihnachten 1657 angekündigt. Snethlage äußerte auch eine Reihe von Wünschen: eine neue Orgel müsse her, ebenso eine neue große Glocke (1663). Auch neue Sitzplätze müssten in der Kirche geschaffen werden. Die Hoffnung auf Erfüllung solcher Wünsche war offenbar nicht unrealistisch. Lienen war seit 1645 eine wirtschaftlich erstarkende Gemeinde. Denken wir etwa an den Aufstieg der Kaufmannsfamilien Metger und Kriege. 

Ab 1650: die Lienener Kirche wird zu klein

Die wachsende Bevölkerung ließ die Kirche zu klein werden. Geholfen wurde durch den Einbau einer Südempore (1651/52). 1660 wurde die in der Nordost-Ecke der Kirche am Chor gelegene Sakristei in das Kirchenschiff einbezogen und ebenfalls mit einer Empore versehen. Das wuchtige und mit reichen Schnitzereien versehene Kirchengestühl des Rittergutes Kirstapel wurde auf den Chor versetzt, wo es nicht so viel Raum einnahm. Für eine Generation war erst einmal wieder Platz geschaffen.

Von Alhard Theodor Snethlage (1671-1710) stammt eine Auflistung aller zur Pfarre gehörenden Liegenschaften. Abgesehen von dem Gelände um den Pfarrhof handelt es sich um Stückländereien rund um das Dorf, die in ihrem Kern auf karolingische Zeit zurückgehen. Die Flächen, die der Pfarrer nicht bewirtschaftete, waren verpachtet.

1703-1707 wurde ein neues um drei Meter verbreitertes und etwas verlängertes Kirchenschiff errichtet und eingewölbt. Davon stehen heute nur noch die Nord- und die Turmwand. Ein Wappenstein von Tecklenburg (1706), der andere von Preußen (1707) über der Südempore erinnern an diesen Neubau. Über dem im Renaissancestil gehaltenen Nordportal finden sich die Namen von Snethlage Vater und Sohn, dazu der des Vogtes Rudolph Krafft. Ein Mittelgang teilte das Schiff in eine Frauen- und eine Männerseite. Um die Schulden zu mildern, wurde das Kirstapelsche Gestühl verkauft (1720) und durch einfache Bänke ersetzt.

Eberhard Samuel Snethlage (1711-33) begann seinen Dienst im Katastrophenjahr 1711: vierzehn Häuser fielen Anfang Juni einem verheerenden Brand zum Opfer. Für die Beseitigung der Schäden bewilligte der preußische König am 18.01.1712 Holz aus den abgebrochenen Pferdeställen der Tecklenburg. Der Brand muss den Ortskern betroffen haben. Doch haben wir keinen Anhaltspunkt, um welche Häuser es sich gehandelt hat. Der Verlust der alten Kirchenbücher hat mit dem Brand nichts zu tun. Sie lagerten ja im Pfarrhof, der nicht betroffen war. Die heute vorhandenen Kirchenregister beginnen schon Anfang 1711. Auch blieb das Lagerbuch von 1609 erhalten.

Zur Zeit von Andreas Wilhelm Snethlage (1733-70) wurde die preußische Kirchenreform durchgesetzt. Von Synoden hielten die Preußen nichts. 1767 wurde die alte Synodalverfassung, auf die reformierte Gemeinden stolz waren, durch eine obrigkeitliche Konsistorialverfassung abgelöst. Nicht mehr die Synode bestimmte den Kurs der Kirche, sondern die Regierung in Berlin. Zwei Geistliche Inspektoren, Vorläufer der späteren Superintendenten, führten die Aufsicht: der eine im Bereich Ibbenbüren, der andere in der Altgrafschaft Tecklenburg.

Friedrich Andreas Snethlage (1770-1815) wird von Pfarrer Kriege als "ein gewaltiger Mann und kernfester Patriot" beschrieben. Er wurde zum Geistlichen Inspektor in der Altgrafschaft bestimmt, von 1799 an auch für den Bereich Ibbenbüren. Über die Pfarre in Lienen urteilt August Karl Holsche in seiner Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg (1788): "Der Prediger dieses Orts ist nach Maßgabe der mit seinem Dienst verknüpften Arbeit nur schwach besoldet. Die Pfarre bringt keine dreihundert Taler auf; der Küster dient sich fast ebenso gut als der Prediger; die Kirche ist klein und kann die Eingepfarrten kaum fassen". Der religiöse Zustand "der geringen Klasse" sei nicht der beste. Es fehle an hinreichendem Unterricht, den zu erteilen in den weitläufigen Kirchspielen schwierig sei. Die streng kalvinistisch ausgerichtete Ausbildung der Pfarrer an holländischen Hochschulen äußere sich in gewisser Intoleranz. In der Tat zeigen die Protokolle der Synode der Grafschaft Tecklenburg von 1689 an, wie Gemeindemitglieder mit anstößigem Lebenswandel in Kirchenzucht genommen und vom Abendmahl ausgeschlossen werden. Diese Kirchendisziplin erreicht Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt: "Wer in seinem Hause, auf seinem Gehöft oder Besitztum an Sonn- und Feiertagen oder an denselben vorhergehenden Tagen Tanzereien oder Gelage veranstaltet oder duldet, soll von der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen werden" (1852). Die Kirche wurde zum Institut preußischer Sittenpolizei. Dagegen opponierten schon damals mutige Gemeindemitglieder. Sie wurden mundtot gemacht.

Friedrich Andreas Snethlage betrieb seit 1755 die Einrichtung von Schulen in den Bauernschaften. Er selber bildete junge Menschen zu Lehrern aus. Der Unterricht wurde in leerstehenden Heuerhäusern abgehalten. Nach und nach entstanden die ersten Schulgebäude. Die Entlohnung erfolgte aus dem zu zahlenden Schulgeld. Snethlage machte sich ebenso um den Neubau des Kirchenschiffs 1801/02 verdient. Das schwere Gewölbe der erst 1703-07 errichteten Kirche drückte die Südwand weg. So musste das Schiff bis auf Nord- und Westwand abgerissen und neu aufgebaut werden. Dabei wurde es gleich um zehn Meter nach Osten verlängert. Der baulich gefährdete Turm wurde stabilisiert durch Vorsetzen der Südwand und Zumauerung des halben Torbogens zwischen Turm und Schiff. 1806 erhielt die Kirche auch eine neue Orgel. 

Lienen bekommt eine zweite Pfarrstelle

Karte von Lienen aus dem Jahr 1792 (LAV NRW W, W 051/Karten A Nr. 1029)

Schließlich gelang Snethlage die Einrichtung einer zweiten Pfarrstelle (1815), deren Notwendigkeit schon seit 1776 anerkannt war. Doch wie sollte sie finanziert werden? Man musste einen Kapitalstock schaffen, aus dessen Zinsen ein Teil des Gehaltes zu finanzieren war. Eine Witwe König und der Kaufmann Hermann Kriege, beide aus Bremen, dotierten die Pfarrstelle mit je 1.000 Reichstalern. Dazu wurden die Höfe zu bestimmten jährlichen Naturalabgaben verpflichtet. Sie waren für die Bauern keine große Last, trugen jedoch wesentlich zum Unterhalt des Pfarrers bei. Auch wurde der zweite Pfarrer geringer besoldet als der erste. Die neue Pfarrstelle wurde sechs Wochen vor dem Tode Snethlages mit seinem bisherigen Gehilfen Hermann Kriege besetzt. Ihm gehörte das repräsentative Haus Hauptstraße Nr. 20. Ein eigenes Pfarrhaus war daher zunächst nicht nötig.

Mit dem Tod von Hermann Kriege (9.11.1850), des ersten Pfarrers der 1815 neu errichteten 2. Pfarrstelle, war die Frage nach einem zweiten Pfarrhaus neu gestellt. Die Kirchengemeinde mietete 1851 das ehemalige Vogthaus am Kirchplatz (Textilgeschäft Pellemeyer), das sie 1857 käuflich erwerben konnte. Es tat seinen Dienst bis zu dem Bau des Pfarrhauses Holperdorper Straße im Jahre 1914. Zwischen einem ersten und einem zweiten Pfarrer gab es damals einen Rangunterschied, der sich in unterschiedlicher Vergütung niederschlug. Wenn der erste Pfarrer die Gemeinde wechselte oder durch Pensionierung ausschied, bestand für den zweiten Pfarrer eine Aufstiegsmöglichkeit in die erste Stelle. Die Tecklenburger waren so weise, die gehaltlichen Differenzen schon in damaliger Zeit abzubauen. Der Ausgleich wurde bezahlt aus den Einkünften der in Erbpacht gegebenen umfänglichen Ländereien des in der Folge der Reformation säkularisierten Kreuzherrenklosters auf dem Osterberg (Lotte). Nach 1945 ist es nicht einmal mehr eine Prestigefrage, die wievielte Pfarrstelle einer Gemeinde ein Pfarrer innehat. 

Die Vergrößerung der Kirche ab 1802 hat Folgen

Der Neubau der vergrößerten Kirche 1802 mit ihren 1.526 Sitzplätzen hatte erhebliche Konsequenzen. Zwei Folgen sollen in dieser Kurzdarstellung genannt werden. Die erste bestand in der Notwendigkeit, die Bestuhlung der Kirche neu zu konzipieren. Nach dem Neubau hatte man sich zunächst mit dem alten Gestühl, das notdürftig ergänzt werden musste, beholfen. Die Kirche war innen als Querbau (Predigtkirche) eingerichtet: die Kanzel an der östlichen Seite der Südtür, der Abendmahlstisch mittschiffs davor, die Bankreihen um Kanzel und Abendmahlstisch im nach Süden offenen Rechteck. Im Chor über dem damaligen Osteingang in die Kirche gab es eine doppelte Empore, die untere diente der 1806 neu gebauten Orgel, die obere wurde die "Singebönne" genannt. Im Konfirmationsgottesdienst z.B. sang von dort aus der Schülerchor im Wechsel mit den Konfirmanden und der Gemeinde unten in der Kirche aus dem "Blauen Liederheft" des Lienener Pfarrers Hasenkamp (1816-21). Die Gemeinde hat sehr an diesem Liederheft gehangen, und es war gar nicht so leicht, das Heft nach 1960 aus dem Verkehr zu ziehen, weil es einfach nicht mehr in unsere Zeit paßte. Zu beiden Seiten des Osteingangs führten die Treppen hoch zur Orgelempore/Singebönne und zur Nord-Empore.

1867 musste Lienen eine Rüge der Kreissynode hinnehmen: "Lienen verschiebt leider bisher aus vorgeblichem Mangel an ausreichenden Mitteln die dort so nötige Erneuerung des Kirchengestühls". Das Presbyterium erwies sich aber starr und unbeweglich, wenig offen für zukünftige Entwicklungen. Eine Neuordnung der Bestuhlung war auch gar nicht einfach: die Kirchensitze standen ja in einer Art Erbpacht mit Eintragung ins Grundbuch. Im Frühjahr 1872 wurde endlich eine Kirchensitzkommission berufen, die zunächst die Besitzverhältnisse festzustellen hatte. Pfarrer Wilhelm Kriege wurde beauftragt, einen Plan auszuarbeiten, wie die Kirchensitze bei einer Neubestuhlung zur Verteilung kommen könnten. Jetzt sollte die Kirche nicht mehr als Quer-, sondern als Längsbau eingerichtet werden, so wie wir sie heute kennen. Die Umstuhlung wurde 1875/76 vorgenommen. Im Zusammenhang damit wurde auch die Orgel überholt, rückte auf die Turmseite und erhielt ein neues neugotisches Gehäuse.

Die andere Konsequenz aus dem Neubau der Kirche war die Verlegung des Friedhofs vom Kirchhof in den Süden des Ortes, dem heutigen Friedhofsgelände. Denn durch die Verlängerung der Kirche um 10 Meter nach Osten waren erhebliche Flächen verloren gegangen. Dabei war der Friedhof um die Kirche herum schon vorher viel zu klein. Denn im Reformationsjahrhundert war er im Interesse der Bebauung des Kirchringes zurückgenommen worden. Damals entstand die Mauer, von der heute nur noch der nördliche Teil und das Südweststück erhalten ist. Sie diente dem Schutz des Friedhofs vor den im Dorf frei herumlaufenden Schweinen, die alles zerwühlten. Dazu mussten die Tore geschlossen sein. Waren sie aber oft nicht. Darüber wurde schon auf der Synode von 1689 Klage geführt. Da zudem unsachgemäß begraben wurde, konnten sogar Särge von ihnen hochgebuddelt werden (1798). Das Ganze entwickelte sich zum Skandal. Die Kircherweiterung verschärfte das Problem. Superintendent Smend (Lengerich) in seinem Schreiben vom 18.1.1839:

“Ich zeige ihnen deshalb an, daß ich nunmehr fest entschlossen bin, nach der mir neu gewordenen Aufforderung der königlichen Regierung und nach der oben abgegebenen Erklärung ihres Herrn Bürgermeisters die Verlegung des Begräbnisplatzes außerhalb Lienens durchzusetzen.“

Das Presbyterium aber zeigte sich weiterhin halsstarrig. So kam, was kommen mußte: 1855 schritt die Regierung ein. Totensonntag 1857 wurde der neue Friedhof eingeweiht. Aber er war nun ein kommunaler Friedhof. Erst 1886 wurde er der Kirchengemeinde zurückgegeben.

Zu dem 1857 eingeweihten neuen Friedhof ist noch eine Bemerkung nachzutragen: Dass sich seine Übergabe von der Kommunalgemeinde an die Kirchengemeinde von 1857 bis 1886 hinzog, lag nicht etwa an ersterer. Vielmehr verweigerte die Regierung ihre Genehmigung dazu so lange, bis sich die Kirchengemeinde bereit erklärte, katholischen Einwohnern Lienens die gleichen Rechte zuzugestehen wie den evangelischen. 1886 gab das Presbyterium endlich die geforderte Erklärung ab. 

Preußischer Staat, Evangelische Kirche und ein neues Verhältnis zueinander

1527 war die Grafschaft Tecklenburg der lutherischen Reformation beigetreten und führte 1543 eine lutherische Kirchenordnung ein. 1588 ersetzte Graf Arnold das lutherische Bekenntnis durch das reformierte: Seitdem gilt der Heidelberger Katechismus und damit verbunden eine reformierte Gottesdienstordnung. Sie kennt keine gesungenen liturgischen Stücke (Responsorien). Den Preußenkönigen war das Nebeneinander und Gegeneinander (z.B. in der Abendmahlsauffassung) der beiden protestantischen Bekenntnisausprägungen ein Dorn im Auge. Sie wollten eine in sich geeinte evangelische Kirche, eine Union. Den Tecklenburger Gemeinden erschien dies an sich kein Problem. Sie legten den reformierten Zusatz ab und nannten sich schlicht "Evangelische Kirchengemeinde...". Der Pferdefuß der Union lag in der damit verbundenen Einführung einer (gemäßigt) lutherischen Liturgie mit ihren Wechselgesängen. Davon wollten die Tecklenburger nun gar nichts wissen. 1853 kam es zum Schwur. Man durfte zwar über die neue Liturgie auf den Synoden debattieren, aber auf Wunsch des Königs wurde sie den Gemeinden "verordnet". Von Kreissynode zu Kreissynode wird den Gemeinden geboten, die Liturgie zu praktizieren. 1861 haben sich erst Lengerich, Lienen und Ibbenbüren dazu verstanden. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis alle Gemeinden diese Liturgie übernommen hatten.

Hier steht Lienen einmal an vorderster Stelle. Nur die Gemeindeglieder ließen sich diese Änderung der Gottesdienstordnung nicht gefallen. Die neue Liturgie mit ihrem "Singsang" erschien ihnen katholisch. Was also tun? Sehr einfach: man betrat die Kirche erst zum Predigtlied, wenn die Eingangsliturgie zuende war. Von daher stammt die Redeweise, erst "zum zweiten Singen" zur Kirche zu gehen. Solche Auseinandersetzungen wären nicht weiter erwähnenswert, wenn sich dahinter nicht die Entwicklung zu einer neuen Zeit kundtäte. Früher waren die Gemeindeglieder eher Objekte des obrigkeitlich-kirchlichen Handelns. Man hatte sich zu fügen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der es allenthalben revolutionär kochte, war man nicht mehr bereit, obrigkeitliche Anordnungen einfach hinzunehmen. Man stimmte ab mit den Füßen. Individuelles Selbstbewusstsein bricht sich mehr und mehr Bahn.

Die Kirche beugte sich dem Verlangen des Königs zur Union und der Einführung der neuen Agende. Aber sie hat im Rheinland und in Westfalen dem König für ihr Entgegenkommen auch die presbyterial-synodale Kirchenordnung abgetrotzt. Als die Preußen 1707 die Grafschaft Tecklenburg übernommen hatten, spielten die gewohnten Synoden, auf denen das kirchliche Leben und Handeln beraten wurde, bald keine Rolle mehr. Es wurde obrigkeitlich angeordnet. Dafür gab es ein Kirchenministerium. Das wurde nun anders. Im Unterschied zur vorpreußischen Zeit, in der sich nur die Pfarrer zur Synode versammelten, war sie fortan aus Theologen und Laien zusammengesetzt. Für das obrigkeitlich ausgerichtete Preußen war das eine Zumutung, weil man von einer Demokratisierung des Lebens nichts hielt. Aber diese Zumutung wurde geschluckt, weil es in der neuen Kirchenordnung die Stellung des Superintendenten als verlängerter Arm der Regierung gab. Er durfte von der Synode zwar gewählt werden. Aber er bedurfte der Bestätigung durch die Regierung und wurde von dieser in die Pflicht genommen. Die Vorgänge zeigen auch auf Seiten der Kirche eine neue Zeit im Anbruch. 

Irrwege (Teil 1): Das Lienener Presbyterium als Sittenpolizei

Doch solche demokratischen Elemente sind sehr zarte Pflänzchen, die von reaktionären Kräften noch lange Zeit überdeckt werden. Das zeigt sich auch in der Arbeit des Presbyteriums. Ein Hauptpunkt seiner Sitzungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Aufrechterhaltung von Sitte und Ordnung, zumal in Verbindung mit der Sonntagsheiligung. Die alte Kirchmeß ist vom Sonntag zu verbannen. Schützenfeste dürfen den Sonntag nicht tangieren, sind selbst am Sonnabend verboten und dürfen im Übrigen nur einen Tag dauern. Scharf wendet man sich gegen Tanzereien, Vergnügungssucht und unzüchtiges Wesen. 1852 beschließt das Lienener Presbyterium:

Wer in seinem Hause, auf seinem Gehöft oder Besitztum an Sonn- und Feiertagen oder an denselben vorangehenden Tagen Tanzereien oder Gelage veranstaltet oder duldet, soll von der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen werden.“

Die Kirche agiert als Sittenpolizei des preußischen Staates. Man sollte meinen, in Lienen habe es um 1848 keine revolutionären Umtriebe gegeben. Dem ist nicht so. Die Kritik an dem Verhalten der Kirche, die kaum Verständnis für die Situation der kleinen Leute aufbrachte, ist nicht zu überhören. Das 19. Jahrhundert ist die Zeit, in der sich weite Kreise der Bevölkerung innerlich von der Kirche entfremden und sich in den Folgejahren der entstehenden Sozialdemokratie zuwandten, der die Kirche mit Verabscheuung entgegentrat. 

Irrwege (Teil 2): Die evangelische Kirche als Erfüllungsgehilfe der Obrigkeit und Wegbereiter eines „germanischen Sendungsauftrags“

Die Verbundenheit des protestantischen Pfarrers mit der preußischen Monarchie ist stark ausgeprägt, ist doch der Pfarrer preußischer Staatsbeamter und der König oberster Herr der Kirche. Bis zur Weimarer Verfassung war die Kirche Staatskirche. Kein Wunder, das auch in der Kirche das Nationalbewusstsein im 19. Jahrhundert einen enormen Auftrieb erhielt. Eine deutsche evangelische Nationalkirche rückte in den Blick. Die germanischen Völker haben den romanischen gegenüber einen besonderen Sendungsauftrag. Sie haben "die Welt zu lehren, wie man Gott im Geiste und in der Wahrheit dienen soll" (Superintendent Smend/Lengerich 1866). Allenthalben entstehen Kriegerehrenmale. So auch auf der Südseite des Kirchplatzes in Lienen im Gedenken an die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Das Ehrenmal wurde von keinem geringeren als dem Pfarrer Wilhelm Kriege entworfen! 

Pfarreralltag im 19. Jahrhundert

Und wie gestaltete sich der Dienst des Pfarrers? Seine Kernaufgaben waren ebenso wie heute Gottesdienst, Unterricht, Amtshandlungen (Taufen, Trauungen und Beerdigungen).

Darauf ist hier nicht weiter einzugehen. Dazu kam als wesentliches Element der Besuchsdienst und die Seelsorge. Nach der Überlieferung wurde am Sonntag von der Kanzel angekündigt, welche Besuchswege der Pastor in der Woche einzuschlagen gedachte. Dann ging er zu Fuß von Hof zu Hof. Die Bauern versammelten Heuerleute und Gesinde. Er erkundigte sich nach besonderen Vorkommnissen und Anliegen, ermahnte zu gewissenhafter Arbeit, warnte vor Alkohol und Kartenspiel und schloss mit einer kurzen Andacht. Dann ging es zum nächsten Hof. Abends wurde er von dem letzten Bauern mit Pferd und Wagen wieder nachhause gebracht.

Den auf Individualisierung hin ausgerichteten gesellschaftlichen Prozessen wurden diese Art von Besuchen mit fortschreitender Zeit nicht mehr gerecht. Man kann das daran ablesen, dass es hieß: Nur bei den großen Bauern kehrt der Pfarrer ein. Für die kleinen Leute hat er keinen Blick. 

Die Kirchengemeinde Kattenvenne entsteht

Kattenvenner Kirche noch ohne Turmspitze um 1890 ©Familie Oßlage

Doch wie sollte es anders gehen? Fahrrad und Auto waren noch unbekannt. Und wenn der Pfarrer ins Alter gekommen war, war so eine Tagestour eine Strapaze. Der gesellschaftliche Differenzierungsprozess, der ja auch an der Kirche nicht vorbeiging, forderte Lösungen. Die nächstliegende war die Einrichtung einer dritten Pfarrstelle im Südbezirk mit eigener Kirche im Holzhauser/Kattenvenner Raum. Solche Gedanken werden erstmals greifbar, als es 1801 angesichts der einsturzgefährdeten Kirche in Lienen um die Frage ging: Vergrößerung des Kirchenschiffs oder Bau einer zweiten Kirche im Südbezirk? Ab 1846 hielten die Lienener Pfarrer wöchentlich Bibelstunde und Gottesdienst in der alten, beim Hof Laig in Kattenvenne gelegenen Schule. Auf der am 4.10.1854 in Lengerich tagenden Kreissynode wurde ein Kirchenbau in Kattenvenne erwogen. Das alles lange vor dem Entstehen des Ortsschwerpunktes Kattenvenne. Denn die Bahn war ja noch nicht in Sicht. Nachdem diese dann 1871 gebaut wurde, gab es kein Halten mehr. Seit 1889 gibt es eine selbständige Kirchengemeinde Kattenvenne. Die Bezirke der Lienener Pfarrer konnten so entschieden verkleinert werden. 

Kirche und Bevölkerung entfernen sich voneinander, Entstehung neuer Strukturen

Die innere Emigration aus der Kirche wirkte sich zunächst noch nicht auf den Sonntagsgottesdienst aus. Das konnte aus gesellschaftlichen Gründen ja auch gar nicht der Fall sein: Denn hier traf man Verwandtschaft und Bekanntschaft, erfuhr das Neuste aus der Gemeinde, hörte die öffentlichen Bekanntmachungen vom Verkündstein vor dem Niederhellmannschen Haus am Kirchplatz, erhielt Zeitung und Post. So betrug der Gottesdienstbesuch 1905 noch 25% (!!) der Gemeindeglieder. Dafür werden die Nachmittagsgottesdienste immer schlechter besucht. Darüber wird schon 1832 Klage geführt. 1905 sind 20 Besucher keine Seltenheit, 1920 werden diese Gottesdienste endgültig aufgegeben. Nicht anders ist es den Bibelstunden in den Bauernschaften gegen Ende des 19. Jahrhunderts ergangen.

Die Individualisierungstendenzen forderten kleinere, unter verschiedenen Gesichtspunkten differenzierte Gruppen. Die Zeit der Vereine brach an. 1846 entsteht ein Enthaltsamkeitsverein, Missions- und Gustav Adolf-Verein kamen bald hinzu und haben viel Gutes geleistet. 1906 wurde ein Jünglingsverein gegründet. Aus seiner Mitte ging 1908 ein Posaunenchor hervor, der nach dem 1. Weltkrieg 1921 neu gesammelt werden musste. Und vor allem ist die Gründung des Frauenvereins (Frauenhilfe) nach dem 1. Weltkrieg unter Leitung von Frau Smend zu nennen, die in der nationalsozialistischen Zeit und dann auch nach dem 2. Weltkrieg zu einem Hauptinstrument kirchengemeindlicher Arbeit wurde.

Der Ausgang des 1. Weltkrieges, der Zusammenbruch des Kaiserreichs und die Etablierung der Weimarer Demokratie (1919) bedeuteten für den Protestantismus einen tiefen Einschnitt. Die Staatskirche hörte auf zu bestehen. Das Misstrauen gegenüber der Demokratie saß tief. Demokratie war in den Augen der Kirche keine verlässliche Obrigkeit. Wie konnte es nun weitergehen? Die Kirche musste ihre Geschicke fortan selber in die Hand nehmen. Ihr lag daran, die von den Vätern ererbten Wertvorstellungen und Traditionen zu bewahren. Der Gedanke der Volkskirche trat an die Stelle der Staatskirche. Dabei beschreibt der Begriff Volkskirche damals nicht den Aktionsbereich der Kirche (also ihr volksmissionarisches Engagement), sondern meint vor allem den Ort, wo der Gedanke der Volksgemeinschaft, des Vaterlandes und des nationalen Auftrages, sich für das Vaterland einzusetzen als verpflichtendes Erbe wachgehalten wird.

So kam es nicht zufällig schon bald am Turmeingang der Kirche zur Einrichtung einer Ehrenhalle für die Gefallenen des 1. Weltkrieges (Einweihung am 4.12.1921). Dennoch, die innere Emigration aus der Kirche wird im zurückgehenden Gottesdienstbesuch spürbar. Erstmals wird 1922 Klage darüber erhoben, dass man mehr alte als junge Menschen in der Kirche sehe. Die Auswanderung aus der Kirche erreicht in der Zeit des Nationalsozialismus einen ersten Höhepunkt.

Ihren Hauptfeind sah die Kirche seit der Revolution 1848 im Marxismus, seit der Revolution von 1918 im Bolschewismus. Es waren gerade auch junge Theologen, darunter Johannes Wilkens, die als ehemalige Offiziere wieder zu den Waffen griffen, um die Münchener Räterepublik niederzuwerfen. Die im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung aufgebrochene soziale Frage trieb die Massen in die Arme des Marxismus. Das war nicht die Schuld der Kirche. Aber sie hat sich nicht zur Wendung des Elends der Massen politisch eingesetzt. Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge allein waren keine Antwort auf die Herausforderung der Zeit. Zur sozialen Praxis gelangte man in Lienen erst durch den Aufbau der Frauenarbeit durch Frau Smend. Da ging es um Ausbildung junger Frauen auf dem Lande für ihre Arbeit in Haus und Hof, um Müttererholungsmaßnahmen, um Einzelfallhilfe. Auch wurde am 1.1.1922 eine Gemeindeschwesternstation eröffnet. Gemeindeschwester und Frauenhilfe arbeiteten einander zu. Basis der Arbeit wurde das mit Hilfe von Spenden, darunter auch aus Amerika, errichtete Gemeindehaus (Einweihung am 28.6.1925), in dem Schwester Emma Beckemeyer zusammen mit Mutter und Tochter Altesellmeier ab März 1929 ihre Wohnung hatten. Die Hausmeisterdienste übernahm nach dem Tode von Frau Frers die Witwe Altesellmeier, später ihre Tochter Anna. 

Bau des ersten Gemeindehauses

Das alte Gemeindehaus (1925-1962)

Der Bau eines Gemeindehauses wurde schon 1908 ins Auge gefasst, um Raum für den Konfirmandenunterricht, den Jünglingsverein und eine Gemeindeschwesternstation zu gewinnen. Nach weiteren Anläufen fiel Ende 1922 der Baubeschluss. Doch der Bau verzögerte sich weiter. Die Einweihung konnte endlich am 28.6.1925 vorgenommen werden. In den beiden Unterrichtsräumen fand auch die 1892 gegründete höhere Privatschule morgens ihr Unterkommen. Nach dem 2. Weltkrieg konnte sie ihre Arbeit dort mit dem 1.4.1951 wiederaufnehmen, fand dann in einer am Gemeindehaus errichteten Steinbaracke ihre Bleibe. Die Arbeit bestand bis zum 1.4.1960.

Ein weiterer Ansatzpunkt für Antworten auf die Fragen der Zeit war die geistige Auseinandersetzung mit den herrschenden Weltanschauungen. So führte man in Lienen schon 1924 eine evangelische Weltanschauungswoche durch. Im Herbst 1925 wurde auf dem Determannschen Anwesen im Dorf (heute "Jägerhof") ein Zweig der in Bethel befindlichen Heimvolkshochschule unter Leitung des Pfarrers Thiemann eröffnet. Sie wurde zum großen Bedauern der Kirchengemeinde am 1.4.1931 nach Tecklenburg verlegt und vom Verein für Innere Mission im Regierungsbezirk Münster übernommen. 1930 entstand der Männerdienst. Hier führte der aus dem Studentenpfarramt von Münster nach Lienen gewechselte Pfarrer Lic. Dr. Wilkens die weltanschaulichen Auseinandersetzungen.

Am 9. November 1930 kam es zum ersten Zusammenstoß mit der unter der Führung des Ortsgruppenleiters Ernst Beckmann selbstbewusst auftretenden Lienener Ortsgruppe der NSDAP. Sie hatte vor dem Gottesdienst im Gedenken an die beim Marsch auf die Feldherrnhalle in München 1923 Gefallenen in der Ehrenhalle der Kirche einen Kranz mit Hakenkreuzschleife niedergelegt. Das Presbyterium sah in diesem Akt einen Missbrauch der Ehrenhalle für politische Zwecke. Es beschloss, die Ortsgruppe um Abnahme der Hakenkreuzschleife zu ersuchen. Als diese das ablehnte, entfernte Wilkens im Auftrag des Presbyteriums die Schleife. Er steckte sie dann in den Ofen. Das Symbol des aufdämmernden 3. Reiches verbrannt zu haben, wurde der Kirche nie verziehen. 

Irrwege (Teil 3): Nähe der evangelischen Kirche zum NS-Staat (... aber auch Anfänge der „Bekennenden Kirche“ als Gegenbewegung)

Die evangelische Kirche hat die Machtergreifung Hitlers zum großen Teil begrüßt. Die Pfarrerschaft war überwiegend national-konservativ eingestellt. Man erhoffte eine starke Obrigkeit und war fasziniert von dem Gedanken eines nationalen Sozialismus. Zudem sah man im Faschismus die einzige Chance, dem Bolschewismus entschieden entgegentreten zu können. Das Schreckgespenst der "roten Flut" diktierte das Denken. Schließlich war die Pfarrerschaft latent antijudaistisch eingestellt. Denn die Juden hatten ja Jesus gekreuzigt. Das waren drei fundamentale Übereinstimmungen des Denkens zwischen Pfarrerschaft und NS-Staat. Die Pfarrer der sich ab Juli 1933 bildenden Bekennenden Kirche haben daher lange nicht verstehen können, wieso sie als eine staatsfeindliche Gruppierung angesehen wurden.

Schon bald nach der Machtergreifung 1933 griff der Staat in die Verfassung der Kirche ein. Es war Hitlers Ziel, die 28 bisher selbständigen Landeskirchen zu einer vereinigten und nach dem Führerprinzip von einem Reichsbischof zentral gelenkten Reichskirche umzubilden. Diesen Eingriff ließ sich die Kirche noch gefallen, war sie doch aus ihrer Vergangenheit ein obrigkeitliches System gewohnt. Nur wurde seitens der Kirche v. Bodelschwingh als Reichsbischof gewählt und nicht Hitlers Wunschkandidat Ludwig Müller. Auf Druck musste Bodelschwingh zurücktreten. Damit war für den Königsberger Divisionspfarrer Müller der Weg frei.

Zum Auslöser des Kirchenkampfes wurde die Vereinigung der sogenannten "Glaubensbewegung Deutscher Christen" (DC). Sie verstand sich als innerkirchliche Plattform der NS-Ideologie. Den DC ging es darum, den christlichen Glauben im Sinne einer "heldischen Frömmigkeit" "nordischer Art" und "deutschem Luthergeist" umzugießen. Weg mit der bisherigen Mitleidstheologie des Erbarmens und der dienenden Liebe! Im Blick der DC stand ebenso die "Entjudaisierung" der Pfarrerschaft und der Kirchenbeamten. Wer jüdischer Abkunft war, wurde ausgestoßen. Es gab Stimmen, auch die Bibel von jüdischem Geist zu reinigen. Der Kampf gegen diese innere Überfremdung des Glaubens war es, der die Kirche in den Augen des NS-Regimes zum Feind machte.

Um die braune Reichskirche durchzusetzen, hatte Hitler für den 23.7.1933 Kirchenwahlen angeordnet. Durch sie sollten die Kräfte der DC und der NSDAP in die Gremien der Kirche (Repräsentation und Presbyterien) einrücken. Die NS-Organisationen wurden aufgefordert, geschlossen zur Wahl zu gehen und ihren Kandidaten die Stimme zu geben. Um zu retten, was zu retten war, hatte man sich an vielen Orten mit der NSDAP auf "Einheitslisten" geeinigt, was im Kirchenkreis Tecklenburg dazu führte, dass die sich formierende Bekennende Kirche in der Mehrzahl der Gemeinden das Heft in der Hand behielt. 

Das Tecklenburger Bekenntnis: Junge Pfarrer gegen den nazistischen Ungeist

In dieser Situation fand sich im Juli 1933 ein Kreis junger Pfarrer in der Südostecke des Kirchenkreises zur Arbeitsgemeinschaft zusammen mit dem Ziel, der Überfremdung des christlichen Glaubens durch den nazistischen Ungeist zu wehren. Das waren die Pfarrer Papst (Kattenvenne), Schmitz (Ladbergen), Smend und Wilkens (Lienen), Brandes (Hohne), Rübesam (Lengerich) und Thiemann (Tecklenburg). Unter ihren Händen entstand in wenigen Wochen das später so genannte "Tecklenburger Bekenntnis", das von der im August tagenden Kreissynode verabschiedet und an die Provinzialsynode weitergeleitet wurde.

In der Auseinandersetzung der Bekennenden Kirche mit den Deutschen Christen kam es praktisch zur Kirchenspaltung: auf der einen Seite die BK-Gemeinden unter ihrem 1934 gewählten Präses Koch in Oeynhausen, auf der anderen Seite die DC-Gemeinden unter der Leitung des Pfarrers Fiebig in Münster mit dem Konsistorium (Landeskirchenamt). Der Kirchenkreis Tecklenburg wählte den Hohner Pfarrer Brandes zum BK-Superintendenten. Das DC-Konsistorium in Münster setzte den aus dem alten Tecklenburger Kreissynodalvorstand übriggebliebenen Pfarrer Johannes Hörstebrock/Ibbenbüren zum Superintendenturverwalter ein. 1942 erhielt er die Dienstbezeichnung Superintendent. Doch Hörstebrock neigte der BK zu und erwarb sich bei dieser Respekt und Anerkennung. So teilten sich die beiden Superintendenten die Arbeit: Brandes hielt den Kontakt zu Präses Koch, Hörstebrock erledigte die Verwaltung in Verbindung mit dem Konsistorium in Münster. Die DC-Gemeinden im Kirchenkreis waren Brochterbeck, Rheine-Eschendorf (Rheine-Johannes) und Hörstel.

Die kirchliche Arbeit wurde vom Staat auf den innerkirchlichen Bereich eingeengt. Die Jugendarbeit war der Kirche verboten wie auch andere Vereinsarbeit. Einzig Versammlungen zum Gottesdienst und zur Bibelarbeit waren gestattet. Wenn die Frauen zur Frauenhilfsstunde zusammenkamen, war ihnen demgemäß das Kaffeetrinken verboten. Frau Smend setzte es für Lienen mit dem Argument der weiten Wege jedoch durch. Mit Beginn des Krieges ließ die Repression nach. Die große Abrechnung mit der Kirche wurde auf die Zeit "nach siegreich beendetem Krieg" verschoben.

Die Niederwerfung Deutschlands im 2. Weltkrieg haben wir zunächst kaum als Befreiung verstehen können. Niemand ahnte ja, welche Opfer der NS-Terror in Deutschland und Europa gefordert hatte. Millionen deutscher Flüchtlinge aus dem Osten hatten die Lasten des verlorenen Krieges zu tragen. Dass sie mit dem Verlust ihrer angestammten Heimat bezahlen sollten, empfanden sie als schreiendes Unrecht. Geschichte ist nicht gerecht. Erst nach einem langen Umdenkungsprozess haben wir die Katastrophe von 1945 auch als Stunde der Befreiung und als Chance für einen Neubeginn begreifen können. Die Kirche sah es als ihre vom Evangelium her gebotene politische Aufgabe an, mit den europäischen Nachbarn zur Aussöhnung zu kommen. 

Erste Nachkriegsjahre

Die ersten Nachkriegsjahre waren die große Bewährungszeit der evangelischen Frauenhilfe, die über 600 Mitglieder zählte. Die Flüchtlingsfamilien mussten versorgt und untergebracht werden. Das Gemeindehaus war die erste Anlaufstation der anrollenden Busse. Die amerikanische Care-Paket-Aktion wurde dankbar als große Hilfe erfahren. Tätige Diakonie, die in der Nazizeit unterbunden war, erhielt erstrangige Bedeutung. Zu ihr gehörte, vielen erschöpften und kranken Frauen einen Kuraufenthalt in den verschiedenen Frauenhilfsheimen durch Finanzierungsbeihilfen zu ermöglichen. Bis Ende der sechziger Jahre wurden solche Erholungsmaßnahmen gemeindlich vermittelt, heute geschieht das professionell durch das Diakonische Werk. Auch war der Zuspruch der Frauen zu Busfahrten in die weitere Umgebung groß. Nicht selten mussten drei Busse geordert werden. Es galt die weitere Heimat kennen zu lernen. Eingedenk ihres diakonischen Auftrages übernahm die Kirchengemeinde im August 1945 auch den in der NS-Zeit in Lienen gegründeten Kindergarten der Nationalsozialistischen Volksfürsorge (NSV). Zeitweise konnte er mit einer Kindergartenschwester des Diakonissenmutterhauses Münster als Leiterin besetzt werden. Das Leben am Gemeindehaus wurde eng. Auf Dauer musste die Kirchengemeinde nach besseren Lösungen suchen. 

Wirtschaftlicher Aufschwung, Erneuerung und Ergänzung des Baubestandes

Innenraum vor der Renovierung 1958 ©Kreisarchiv Steinfurt

Der wirtschaftliche Aufschwung erlaubte der Kirchengemeinde die Erneuerung und Ergänzung ihres Gebäudebestandes zur Optimierung ihrer Arbeit. Das fing an mit der Innenrenovierung der Kirche 1958. Es folgten der Bau eines Kindergartens für drei Gruppen 1962/63 auf der Diekesbreede, der Neubau eines Gemeindehauses 1963/64, die Errichtung einer Leichenhalle auf dem Friedhof (1967), der Neubau der Orgel unter Verwendung des historischen Pfeifenbestandes (1969/70), die bauliche Sicherung des Kirchturms und Außenrenovierung der Kirche (1972), die Neugestaltung des Kirchplatzes (1973), Erwerb und Durchbau des "Hauses am Kirchplatz" (1982). Erwerb und Ausbau dieses Hauses geschahen unter der Perspektive, die gemeindliche Arbeit auf Kirche und Kirchplatz zu konzentrieren, die übergroße Kirche gemeindlich besser zu nutzen und mit einem Gemeinderaum zu versehen, um das Gemeindehaus einmal erübrigen zu können. Denn Anfang der 80iger Jahre wurde deutlich, dass die Kirche ihren Gebäudebestand aus wirtschaftlichen Gründen langfristig würde reduzieren müssen.

Die Einrichtung eines Gemeindesaals in der Kirche wurde im Zusammenhang ihrer Innenrenovierung verwirklicht (1993/94). Damals wurden die Konturen des romanischen Kirchenschiffs ergraben, der dazu gehörende Turmraum wurde vom Kirchsaal aus erschlossen, das Geläut durch zwei weitere Glocken ergänzt. Die Kirche hat durch diese Innenrenovierung und die Einrichtung eines Kirchsaals sehr gewonnen. Die wachsende Einwohnerzahl Lienens erforderte auch die Einrichtung eines zweiten Kindergartens auf dem Mersch (1991). Seine Verwirklichung geschah unter baubiologischen Gesichtspunkten.

Innenraum in den 60-er Jahren

Der wirtschaftliche Aufschwung der Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg und die damit wachsenden Kirchensteuereinnahmen ermöglichten diesen Ausbau kirchlicher Arbeit. Aber die Gemeinde hat auch ihre eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft. Sie war ja von karolingischer Zeit her mit Grundbesitz ausgestattet, der als Pfarr- und Kirchenland um das Dorf herum gelegen war. Kirchenländereien durften veräußert werden, Pfarrland nicht. Beide konnten jedoch ausgetauscht werden. Die bauliche Expansion des Dorfes erfasste sehr bald diesen Grundbesitz. In Verhandlungen mit der Kommunalgemeinde kam es zu mancherlei Grundstücksoperationen, aber auch zur Vererbpachtung von Bauland. Erbpächter und Kirchengemeinde zogen daraus beide Nutzen, die Erbpächter profitierten von dem niedrigen Pachtzins, die Kirchengemeinde von den auf längere Zeit hin kalkulierbaren Einnahmen. 

Ökumene in Lienen

Bei einer Darstellung der Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde darf das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirchengemeinde nicht ausgeklammert werden. Katholiken kannte man in Lienen bis zum 2. Weltkrieg nur am Rande der Gemeindegrenzen. Durch die Eingliederung der Flüchtlinge aus den Ostgebieten wurde die Bildung einer katholischen Gemeinde Schritt um Schritt notwendig. Bis zum Bau ihrer eigenen Kirche fand sie mit ihren Gottesdiensten in der evangelischen Kirche eine vorläufige Heimat. Am 10.5.1953 wurde die neue Kirche geweiht und am 1.10.1953 erhielt die Lienener römisch-katholische Gemeinde ihre seelsorgliche Selbständigkeit. Am 1.5.1977 konnte auch das Pfarrheim eingeweiht werden. Das Wirken des ersten Pfarrers Garske und das gute Verhältnis zur evangelischen Kirchengemeinde ist unvergessen. Den entscheidenden ökumenischen Durchbruch im Verhältnis der beiden Gemeinden zueinander brachte das 2. Vatikanische Konzil 1962-65. Seither gibt es zwischen den beiden Kirchengemeinden eine fruchtbare Zusammenarbeit auf mancherlei Gebieten. 

Gesellschaftliche Veränderungen beeinflussen das Interesse an der Kirche

Um 1960 bestand in der evangelischen Gemeinde eine blühende Jugendarbeit des CVJM. Ebenso konnte die Mädchenarbeit aufgebaut werden. Im Laufe der 60iger Jahre reduzierten sich diese Kreise zunehmend. Das lag nicht nur daran, dass die Träger dieser Arbeit aus Lienen abwanderten. Das war vor allem in den zunehmenden Individualisierungs-Tendenzen der Gesellschaft begründet: feste Gruppenbindung war immer weniger gefragt. Diese Differenzierungsprozesse wirkten sich zunehmend auf alle Arbeit der Kirchengemeinde aus. Die um 1960 noch 600 Mitglieder umfassende Frauenhilfe reduzierte sich in den Folgejahrzehnten in zunehmendem Maße. Im Dorf und den Bauerschaften versammelten sich die Frauen nur noch in kleineren Kreisen. 1960 blühte die Arbeit der Evangelischen Sozialseminare auf. Sie konzentrierte sich auf gesellschaftliche und sozialpolitische, aber auch kirchliche und politische Themen. Der Zulauf war beträchtlich, der Bildungshunger der Menschen groß. Aber dann erhielten diese Seminare mehr und mehr Konkurrenz von den Volkshochschulen und erreichten nur noch kleinere Teilnehmerzahlen. Auch der 1960 noch gute Gottesdienstbesuch ging in den 70iger Jahren mehr und mehr zurück. Der Geist der Resignation ergriff manche Kreise. Aber dazu besteht kein Anlass. Denn vom Neuen Testament her geurteilt hat Kirche nicht die Verheißung der großen Zahlen. Ihre Aufgabe ist, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Den Vorstellungen einer die Gesellschaft tragenden Volkskirche musste der Abschied gegeben werden.

Neubestimmung des Verhältnises von Kirche zu Staat, Gesellschaft und Politik

Auf die Auseinandersetzungen der NS-Zeit war die Kirche nicht vorbereitet. Kaum aus dem obrigkeitlichen Denken entlassen, hatte sie noch nicht gelernt, kraft des ihr vom Evangelium gegebenen Auftrags auf eigenen Beinen zu stehen. So galt der ihr aufgezwungene Kampf der Frage nach der Mitte der Heiligen Schrift. Das Tecklenburger Bekenntnis tat erste Schritte auf diesem Weg. Die Barmer Theologische Erklärung vom Mai 1934 formuliert für die Bekennende Kirche diese Mitte in kraftvollen Sätzen. Dieses Bekenntnis machte sich die nach 1945 neu etablierte Volkskirche in mühevollen Prozessen zu eigen. Der Generation, die nach dem zweiten Weltkrieg die Verantwortung in der Kirche übernahm, wurde die Aufgabe zuteil, das Verhältnis der Kirche zu Staat, Gesellschaft und Politik neu zu bestimmen.

Die gesellschaftliche und politische Verantwortung der Kirche in der Welt und für die Welt musste in der Aufarbeitung der Vergangenheit der NS-Diktatur und in der Auseinandersetzung mit dem sich ebenso totalitär gebärdenden dialektischen Materialismus geklärt werden. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks schieben sich neue Fragen gebieterisch in den Vordergrund. In einer Gesellschaft, die sehr säkulare und individualistische Züge angenommen hat, ist Wertorientierung gefragt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, vom Augenblicksglück. Er spürt, dass er der Verankerung des Lebens in Gott entbehrt, spürt Leben als Geschenk und Aufgabe von jenseits seiner selbst. Von dieser Perspektive der Ewigkeit her steht die Kirche damit zugleich in einer sich globalisierenden Welt ganz neu vor den Fragen von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.