Die Geschichte der Evangelischen Kirche zu Lienen

von Dr. Wilhelm Wilkens, Pfarrer i.R.

Der Turm der Lienener Kirche steht in seinem Untergeschoss auf vier starken Pfeilern, die durch romanische Bogen miteinander verbunden sind. Nach oben wird der Turmraum durch ein romanisches Gewölbe abgeschlossen. Die Bogen sind im Westen, Norden und Süden mit zurückspringendem Mauerwerk abgeschlossen. So treten sie plastisch in Erscheinung. Nur der Ostbogen zum Kirchenschiff ist offen. Aus statischen Gründen musste er beim Neubau des Schiffs 1802 in seiner Südhälfte durch starkes Stützmauerwerk geschlossen werden. In der Wand des Nordbogens findet man eine konisch sich verengende Nische. Sie bot Platz für die Taufgerätschaften. Der Turmraum diente einst als Taufkapelle.

Nach der Überlieferung soll der Turm um 1125 gebaut worden sein. Ein Kunsthistoriker datierte ihn 1981 auf das letzte Drittel des 12. Jahrhunderts, also auf etwa 1180. Dieser Ansatz wurde durch die Ausgrabungen 1994/95 bestätigt.

Der Turm hat vier verschiedenen Kirchen gedient. Das heutige vierte Kirchenschiff stammt von 1802. Die Kirche musste damals neu gebaut werden, weil das schwere Gewölbe die Südwand wegdrückte. Das dritte Kirchenschiff von 1703 war zehn Meter kürzer und auch nicht so hoch wie das heutige. Als die Kirche von 1802 gebaut wurde, stieß man im Boden auf die Mauern eines älteren Kirchenschiffs, das eine Breite von nur zehn Metern gehabt hat. Es handelt sich um die zweite steinerne Kirche. Sie wurde vermutlich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gebaut, jedenfalls vor der um 1350 wütenden Pest, die die Bevölkerung in ganz Europa dezimiert hat. Nach dieser Pestzeit ist eine Kirchenerweiterung unwahrscheinlich.

Von der ersten, der romanischen Kirche aus dem 12. Jahrhundert, wussten wir bisher gar nichts. Analogien führten zu der Annahme, dass ihr Innenraum kaum sehr viel breiter als der Turm gewesen sein muss, also etwa fünf Meter, bei einer Länge von mindestens zehn Metern. Nach dem Muster des Turmgewölbes war ein romanisches Gewölbe anzunehmen. Die Ausgrabungen im Winter 1994/95 haben die Existenz eines romanischen Kirchenschiffs bestätigt, dessen Innenraum eine lichte Breite von 5,80 Metern gehabt hat. Es handelte sich auch um ein eingewölbtes Schiff. Die Gewölbeansätze am Turmmauerwerk waren durchaus noch zu erkennen. Es zeichnete sich sogar der Dachverlauf an der Turmwand ab.

Der Zugang zu dieser ersten Kirche lag in der Nordwand des Schiffs unmittelbar neben dem Turm. Überraschend war die Feststellung, dass die verschiedenen Böden von Kirchenschiff und Turm nicht auf gleicher Ebene lagen, obwohl die Schichtungen einander genau entsprechen. Wer an einer Tauffeier im Turm teilnehmen wollte, musste durch das große romanische Portal, das Schiff und Turm miteinander verbindet, zwei Stufen in die Taufkapelle hinabsteigen. Das, obwohl Schiff und Turm in einem Zuge gebaut wurden.

In der Mitte des Turmraumes zeichnete sich im Boden durch ein Kreisrund die Stelle ab, an der das große aus Stein gearbeitete Taufbecken gestanden hat. Oben hatte es sicher einen Durchmesser von einem guten Meter. In der alten Zeit wurde noch an den Säuglingen die Tauchtaufe praktiziert. Davon geht auch die Kirchenordnung von 1588 aus. Das Kind wurde „aufgewickelt" und unter Nennung seines Namens dreimal in das Wasser getaucht. War der Säugling schwächlich oder krank, wurde er aus der Kanne, die in der Nische stand, über dem Taufbecken begossen.

Bis 1588 wurde in der beschriebenen Weise im Turm der Kirche getauft. Die Reformation von 1527 hatte an dieser Praxis nichts geändert. Der große Einschnitt erfolgte mit dem ersten Weihnachtstag 1588. Da wurde die reformierte Kirchenordnung nach Mörser Modell eingeführt. Darin wurde bestimmt: „Es sollen auch die Baptisteria oder Taufsteine aus den Winkeln vor das Angesicht der Kirche gerückt werden, wie denn auch in vielen reformierten Kirchen deutscher Nation geschehen.“ Der Taufstein muss bald nach Erlass der neuen Kirchenordnung aus dem Turm herausgeholt und auf den Chor versetzt worden sein. Wie lange er dort gestanden hat, wissen wir nicht.

Im Turm stand der Taufstein auf einer Kreuzader. Das galt sicher auch für den Altar im Chor. Solche Kreuze in der Natur waren der alten Zeit aussagekräftiges Symbol für die Nähe des Himmels. Die Alten hatten noch Sinn und Verstand für solche Symbolik.

Im Turm gingen die Ausgräber in die Tiefe. Gräber kamen zum Vorschein. Sieben Menschen wurden hier bestattet, darunter ein Säugling und ein Jugendlicher. In seiner rechten Hand fand sich eine Münze aus Ostsachsen aus der Zeit um 1140, aus der Zeit der Wendenkriege. Wie kam sie nur nach Lienen?

Die untersten Gräber reichen unter die Turmfundamente. Sie stammen also aus der Zeit vor dem 12. Jahrhundert. Der Turm wurde auf einem schon bestehenden christlichen Friedhof gebaut. Schon vor dem Bau der romanischen Kirche muss hier eine Kapelle gestanden haben, vermutlich eine einfache Holzkirche. Ein Nachweis dazu ließ sich nicht führen, weil die Ausgräber den Boden der romanischen Kirche nicht zerstören wollten. Der Einbau des Kirchsaals erforderte keine tiefere Gründung.

Eine kleine Kapelle ohne Turm hat es vermutlich schon bald nach dem Kriegszug Karls des Großen um 775 gegeben. Dafür spricht vor allem Artikel 22 der vor 800 verfassten Capitulatio de partibus Saxoniae: „Wir befehlen, dass die Leichen christlicher Sachsen zu den Friedhöfen der Kirche und nicht zu den Grabstätten der Heiden gebracht werden.“

Kurz vor 840, noch in der Zeit Kaiser Ludwig des Frommen, dürften Kirchen und Güter in Lienen, Lengerich und Ibbenbüren an die 826 gegründete Benediktinerinnenabtei Herford gegeben worden sein. Die Schenkungsurkunden gingen vermutlich im Zusammenhang mit dem Hunneneinfall 920 in Herford verloren. So war die Herforder Äbtissin seit der Mitte des 9. Jahrhunderts patrona der Lienener Kirche. Sie erhielt den Zehnten. Auch die Pfarrstellenbesetzung lag in ihrer Hand.

Die Lienener Kirmeß wurde durch die Jahrhunderte hin am Montag nach dem Johannistag (24. Juni) gefeiert. Das ist nachweislich schon im 15. Jahrhundert so. Die Kirmeß ist das alte Kirchweihfest. So ist davon auszugehen, dass die Lienener Kirche eine Johanneskirche war, Johannes dem Täufer geweiht.

Die zweite steinerne Kirche aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bestand bis 1706, also mehr als 350 Jahre. In der Zeit des 30-jährigen Krieges war sie in baulich schlechtem Zustand. Ein Zehnjahresbericht über die Jahre 1647-1657 gibt Auskunft über die Instandsetzungsarbeiten. Auf die nach dem Krieg schnell anwachsende Bevölkerung reagierte man mit dem Einbau einer „zweifachen schönen bönne" (Empore). So erhielt die Kirche 1651/52 eine Südempore, die 90 Personen Platz bot. Außerdem bezog man die Gerffkammer (Sakristei) in der Nordostecke in die Kirche ein und stattete sie mit einer Empore aus. Eine Orgelempore an der Turmseite gab es schon vorher. Aus dem Jahre 1656 existiert eine Rechnung über die Reparatur der alten Orgel. Ein neues Instrument gehört 1657 zu den noch unerfüllten Wünschen. Einige Exemplare der alten Emporenstützen aus der Zeit um 1600 sind noch erhalten .

Die Umbaumaßnahmen im Chorbereich (Gerffkammer) machten auch eine Versetzung des zum Rittergut Kirstapel gehörenden Frauengestühls auf den Chor erforderlich. Die Reste dieses mit reichem Renaissanceschnitzwerk versehenen Gestühls finden sich, zu einer Garderobe verarbeitet, im Café Schulte am Kirchplatz. Das Gestühl wurde zur Tilgung der Kirchbaulasten 1720 verkauft.

Andere Wünsche waren 1757 noch unerfüllt, sollten aber bald realisiert werden. Aus der Mitte des Presbyteriums war ein großer Messingkronleuchter in Auftrag gegeben worden, der zu Weihnachten 1657 sein Licht im Chor der Kirche erstrahlen lassen sollte. Es handelt sich um den bisher undatierbaren Kronleuchter mit Salvator Mundi (Erlösergestalt). Die anderen drei Kronleuchter sind Stiftungen von 1703, 1733 und 1864.

Nachdem um 1640 eine der drei Glocken im Turm zersprungen war, erhoffte man sich für die nahe Zukunft die Ergänzung des Geläuts um eine dritte große Glocke. Die älteste, die sogenannte Pingelglocke, stammt aus dem Jahr 1622, die zweite von 1637, beide also aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Die Ergänzung des Geläutes um eine dritte Glocke erfolgte im Oktober 1663. Sie wurde die Totenglocke. Weil ihr Rand stark ausgeschlagen ist, darf sie nur noch bei besonderen Gelegenheiten geläutet werden. Die beiden letztgenannten Glocken mussten im 2. Weltkrieg zum Einschmelzen gegeben werden (1942), konnten aber im September 1947 unversehrt von ihrem Lagerplatz in Lünen abgeholt werden.

 

(Foto: Matthias Dichter, Glockensachverständiger in Münster)

Auch das Uhrwerk bedurfte der Erneuerung. Vermutlich kam es 1661 dazu. Denn aus diesem Jahr datiert eine Putzmarke unterhalb des Turmhelms auf der Westseite des Turms. Damals wird man auch die Sandstein-Relief-Zifferblätter ins Mauerwerk eingelassen haben. Die eng gestellten römischen Zahlen deuten auf eine Einzeigeruhr, die vor 1700 gebräuchlich waren. Die schmiedeeisernen Uhrwerke waren an die zwei Meter breit und zwei Meter hoch. Die Antriebsgewichte hingen an langen Seilen bis unten in den Turm und mussten wöchentlich hochgedreht werden. Der Schlaghammer schlug zur vollen Stunde die mittlere Glocke an. Wer das neue Uhrwerk nach dem 30-jährigen Krieg gebaut hat, ist nicht bekannt. Das jetzige kommt von der Firma Eduard Korfhage in Buer bei Melle und wurde 1935 eingebaut. Es löste das von dem Lengericher Uhrmacher Johann Heinrich Howe hergestellte Uhrwerk von 1825 ab.

Lienen war eine stark wachsende Gemeinde. So entschloss man sich 1703 zu einem völligen Neubau des Kirchenschiffs. Es wurde nach Norden um drei Meter verbreitert und auch nach Osten verlängert. Auf diese Weise konnten an die 200 neue Sitzplätze geschaffen werden. Das Schiff wurde eingewölbt. Wie der Chor gestaltet war, wissen wir nicht. An diesen Neubau erinnern die beiden Wappensteine, die über der Südempore in die Wand eingelassen sind und die vor 1875 dort befindliche Kanzel rahmten. Der eine zeigt das Wappen von Tecklenburg (1706), der andere das von Preußen (1707). Die Steine sind ein zeitgeschichtliches Dokument. Der Graf von Solms-Braunfels verkaufte 1707 die ihm zugefallene Grafschaft Tecklenburg an den König von Preußen. Ein weiterer Gedenkstein an den Neubau von 1703 findet sich an der Außenwand über dem im Renaissance-Stil gehaltenen Nordportal der Kirche. Er trägt die Namen des Pfarrers Alard Theodor Snethlage, seines Sohnes Eberhard Samuel und des Vogtes Rudolph Krafft.

Das schwere und zu flach angesetzte Gewölbe drückte die Südwand weg. So musste das Kirchenschiff schon 1802 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Dabei wurde sie erheblich vergrößert: das Schiff um zehn Meter nach Osten verlängert. Von der alten Kirche (1703) blieben nur die West- und die Nordwand erhalten. Während der Dachstuhl der alten Kirche kaum über den Ansatz zum Glockenstuhl hinausreichte, ist das heutige Schiff dem Turm gegenüber überdimensioniert.

Die neue Kirche wurde, wie schon vermutlich ihre Vorgängerin, als Predigtkirche bestuhlt: die Kanzel neben der Südtür, der Abendmahlstisch mittschiffs, die Bänke um Abendmahltisch und Kanzel gruppiert. Die Kirche verfügte über 1.526 Sitzplätze. Die Orgel stand auf einer Empore im Chor. Sie wurde 1806 aus dem Rückpositiv der großen Orgel des damals aufgelösten Klosters Hardehausen bei Paderborn geschaffen und hatte 17 Register. Von Hardehausen stammen auch das barocke Schnitzwerk der beiden Schmuckbretter sowie die beiden Trompetenengel aus der Zeit um 1860.

An den Neubau der Kirche 1802/03 erinnern fünf Gedenksteine: der Grundstein vom 13.07.1802 an der Ostseite des Südportals, der große Stein über dem Portal vom 20.08.1802 und drei Steine an der äußeren Chorwand vom 30.08.1802.

1875/76 erhielt das Schiff seine heutige Bestuhlung. Die Orgel wurde auf die Empore an der Turmseite gestellt, Kanzel und Abendmahlstisch kamen auf den Chor. Die Kirche verfügte nun über 1.173 Sitzplätze, davon 350 auf den Emporen.

Anlässlich der Innenrenovierung im Jahre 1958 wurde das neugotische Zierwerk aus dem Chor entfernt, 1969 die Orgel durch die Firma Steinmann/Vlotho unter Verwendung des historischen Pfeifenmaterials neu erstellt, das neugotisch gehaltene Orgelgehäuse durch ein schlichtes ersetzt. Die übermäßig weit ins Kirchenschiff hineingebaute Orgelempore wurde zurückgenommen. Zugleich erhielt das Schiff hinten einen Quergang. Die Sitzplätze reduzierten sich auf gut 1.000.

Im Zusammenhang mit der Innenrenovierung 1994/95 wurde der Chorbereich großzügiger gestaltet und im Westteil der Kirche unter der Orgelempore ein Kirchsaal geschaffen, der sich für die verschiedenen Gemeindeveranstaltungen eignet. Dazu musste die um 1925 eingerichtete Ehrenhalle für die Gefallenen des 1. Weltkrieges aufgegeben werden. Die Tafeln und auch die der Gefallenen und Vermissten aus dem 2. Weltkrieg finden am Nordaufgang und auf der Orgelempore ihren neuen Platz. Der neue Kirchsaal wurde so in den Baukörper der Kirche eingefügt, dass der Gesamteindruck des Kirchenraums nicht Schaden nimmt. Durch die Verlegung der Treppenaufgänge zu den Emporen wurde auch der romanische Turmraum der Kirche wieder zugänglich. Die Kirche besticht in ihrer Schlichtheit und lädt zum Gottesdienst ein.

Die vor 25 Jahren durchgeführte Renovierung unserer Kirche hat eine Resonanz weit über unsere Gemeinde hinaus hervorgerufen und ist in verschiedenen Beiträgen beschrieben und kommentiert worden.

Die Kunsthistorikerin Birgit Gropp hat unter dem Titel "Gläserner Gemeindesaal als Haus im Haus" eine Analyse dieser Renovierungsarbeiten verfasst. Der Artikel ist Teil der Veröffentlichung "Kirchen im Wandel - Veränderte Nutzung von denkmalgeschützten Kirchen" von Oliver Meys und Birgit Gropp, herausgegeben vom Europäischen Haus der Stadtkultur e.V. und erschienen in Bönen im Jahr 2010.
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